Licht und Schatten

Es gibt Wetter, das man gemeinhin als „grau“ bezeichnen würde. Eine dicke Wolkendecke ist zwischen dem Himmel und dem Erdboden, auf dem der Fotograf steht. Vielleicht regnet es oder es droht wenigstens zu regnen. Das Licht ist schwach und es gibt kaum einen klaren Schatten.

Für unsere Augen und für unsere Wahrnehmung kann das langweilig aussehen, weil dieses Licht alles so gleichmäßig ausleuchtet.

Es gibt dann wenig Kontraste und wenig, was uns reizvoll erscheint. Das ist nicht notwendigerweise schlecht, aber je nach Anlass und Ziel kann das Bild dann einfach fad wirken.

Unterschiedliche Lichtbeschaffenheit

Wenn das Licht nicht diffus, sondern klar und gerichtet scheint, wirkt das Bild häufig dramatischer und reizvoller.

Leben an unwirtlichen Orten. Die Pflanze wird von hinten angestrahlt und lässt das Licht durchschimmern. 2018

Aber bei einem Bild spielen verschiedene Elemente eine Rolle. Die Beschaffenheit der Luft (dunstig oder neblig und oder trocken oder einfach nass? warm oder kalt?), die Stärke der Sonneneinstrahlung, die Höhe und genaue Position der Sonne.

Tief stehende Sonne, grandios lange Schatten der LKWs. Mit einem Smartphone fotografiert, das nicht gerade durch auf Reflexionen korrigierten Linsen geglänzt hat, aber hier verstärkt es den gewollten Effekt, die Lichtstrahlen „sichtbar“ zu machen. 2018, Neu-Ulm

Man kann nicht pauschal sagen, dass kontrastarmes Licht schlecht und langweilig ist und klare, direkte Lichteinstrahlung per se gut und erstrebenswert ist. Das kommt immer auf das Motiv an, das je nach seiner Beschaffenheit unterschiedlich mit dem Licht interagiert, auf die Beschaffenheit der Luft, auf die Richtung des Lichts usw..

Abhängig vom natürlichen Licht

Draußen, in der Natur können wir das Licht nicht bestimmen, jedenfalls nicht für größer dimensionierte Landschaften oder Flächen. Wir sind abhängig vom Lauf der Sonne, vom Wetter, von der Lage unseres Motivs, das oft eben immobil oder nur von einer Seite aus zugänglich ist.

Wir können aber selber entscheiden, zu welchen Licht-Bedingungen wir Bilder machen wollen und wann eher nicht.

Weintrauben im Gegenlicht. 2025

Es gibt kein Rezept, das automatisch immer funktioniert

Man kann sagen, es ist immer wieder wichtig, die Augen aufzumachen und im Einzelnen zu schauen, was für ein Foto gut funktioniert und was nicht. Es gibt kein Patentrezept. Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, was spannend ist und was funktioniert.

War vor einigen Minuten das Licht noch fade, kann sich die Situation von einem fliehenden Moment auf den anderen Verändern, wenn die Sonne plötzlich durch die Wolkendecke bricht.

In der Entfernung bricht die Sonne durch die Wolkendecke. Ein kurzer Lichtblick sozusagen. 2025

Mittägliches Licht, kurze Schatten

Manchmal liest man, dass man unbedingt das mittägliche Licht zu meiden habe. Weil das Licht von oben komme, könne das mit den Bildern quasi einfach nichts werden. Zum Teil hat diese Aussage durchaus Substanz und es gibt viele Momente, in denen die harten, kurzen Schatten wenig gut funktionieren bei vielen Motiven. Aber in der Fotografie kommt es immer darauf an. Es gibt Konstellationen, da wirkt gerade auch das Licht von oben herab interessant.

Mittägliche Sonne, Licht von oben. Aufgenommen mit einem älteren Smartphone. 2018

Es kann gerade bei Gebäuden oder bei Treppen oder Pflanzen das Licht von oben, je nachdem woher es genau kommt, auch zu eher mittäglichen Zeiten, interessante Effekte erzielen. Am Ende geht es oft um Kontraste. Licht und Schatten sind eine wesentliche Möglichkeiten, Kontraste zu schaffen (wobei um die Mittagszeit die Sonne hier der „Schaffende“ ist) und diese visuellen Eindrücke auch einzufangen.

Das Licht kommt von oben. Klare Kontraste besonders an den Treppen, an den Büschen. Mittägliche Sonne im Sommer. Mit Architektur können solche Schattenspiele interessant wirken. 2025

Atmosphärische Schatten

Wenn man es geschickt anstellt, kann Schatten auch gezielt eingesetzt werden um ein Motiv sozusagen geheimnisvoller zu machen. Indem man Teile des Motivs in Schatten oder Dunkelheit legt, bleibt, wenn es klug umgesetzt ist, beim Betrachter die Frage offen, wie das Motiv wohl bei voller Helligkeit aussieht.

Das Motiv ist nur teilweise ausgeleuchtet. Das kann einen geheimnisvollen Effekt erzielen, weil es die Beschaffenheit der im Schatten liegenden Bereiche verbirgt. 2022

Wichtig ist aber dabei – wie fast immer, das der Effekt gezielt und wohldosiert eingesetzt wird, sodass Andeutungen da sind, aber auch Fragen offen bleiben.

Schatten von erhöhter Perspektive

Von oben kann man Schatten teils deutlich klarer wahrnehmen. Es kann sich lohnen, auf einen Kirchturm, eine Brücke, eine Aussichtsplattform zu gehen und von dort aus Bilder zu machen. Es muss aber nicht notwendigerweise eine starke Erhöhung sein, nur eben je nach Situation eben, dass ein gewisser Abstand besteht. Manchmal reicht schon ein etwas stärkeres Gefälle innerhalb einer Stadt. 

Es kann besonders in solchen Situationen, wo vermutlich der Standpunkt zu einem gewissen Grad immobil ist, sich lohnen, ein Zoom-Objektiv zu verwenden.

Ein frühes Experiment vom Ulmer Münster aus, „schlechte“ Kamera, durch vergitterte Fenster geschossen. Zu sehen ist ein Ausschnitt des Münsterplatzes. Ich habe die Schatten und Kontraste ziemlich verstärkt zur Illustration. 2010
Ein zweiter Versuch, mehr „hinein-gezoomt“, ein engerer Bildausschnitt.  Situationen ändern sich schnell. In der belebten Stadt wird die Flüchtigkeit unseres Lebens nochmal stärker sichtbar. Es sind Sekunden vergangen. Die Schatten sind nicht sehr lang, werden aber von oben deutlich auffälliger und besser wahr genommen als vom Boden aus. Damit kann man in bestimmten Situationen schon spielen. 2010

Viele Möglichkeiten, kreativ zu sein

Es geht mir hier nicht darum, eine umfassende Liste an Situationen, in denen Licht und Schatten auftreten, aufzustellen, sondern darum ein paar der vielen Möglichkeiten, kreativ Bilder zu gestalten, zu zeigen.

Für mich ist es wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und zu schauen, wie sich das Licht verhält. Es wurden von Fotografen ganze Bücher zu Licht und Schatten geschrieben, es gibt so viele Nuancen, allein nur in der Portrait-Fotografie und Landschaftsfotografie und gerade ein besonderer Lichteinfall kann auf die langweiligsten, alltäglichsten Momente ein neues Licht werfen. So wie eben geschehen als ich diese Zeilen verfasst habe.

Der Lichteinfall bei dieser Pflanze ist recht effektvoll. An der Wand, aber auch schon an der Pflanze selbst entsteht ein wechselhaftes Schattenspiel.