An „langweiligen“ Orten Bilder machen

Ich bin mehr der Typ, der gern an besonderen Orten fotografiert, mit Sehenswürdigkeiten, besonderer Architektur, am besten noch bei besonderen Anlässen.

Aber was, wenn der Ort, an dem man sich befindet, wenig spektakulär ist, wenn er einfach durchschnittlich, wenig besonders – kurz gesagt – einfach langweilig ist? (Nicht nur, weil man alles schon so oft gesehen hat?)

Der Weg am Zaun ist an sich kein spannendes Motiv. Aber durch den hell ausgeleuchteten Weg wird man quasi am Zaun entlang geführt. Was sich wohl hinter der Kurve befindet? 2026

Was, wenn es ein Ort ist, ohne besondere Sehenswürdigkeiten, ohne eine besondere natürliche Gegebenheit (wie ein Blick auf ein Gebirge oder aufs Meer)? Was, wenn es ein Ort ist, an dem wenig los ist, an dem einfach das alltägliche, „langweilige“ Leben stattfindet? Ich denke an eine kleine Stadt oder ein Dorf, scheinbar ohne Besonderheiten oder sonst etwas, was des Fotografierens Wert erscheint.

Besonderes Licht

Ein „langweiliger“ Ort kann aufgewertet werden durch besonderes Licht, vielleicht durch eine tiefstehende Sonne am Abend oder am Morgen, durch damit verbundenen Schattenwurf usw.

Schon Recht tief stehende Sonne, das Licht wirkt warm, trotz ziemlich kalter Witterung. Vieles liegt im Schatten, manches wird ausgeleuchtet. 2026

Besonderes Wetter

Regen oder Nebel können auf den ersten Moment abschreckend wirken, was die Motivation angeht, eine Kamera in die Hand zu nehmen und Bilder zu machen. Aber oftmals ergeben solche Bedingungen, richtig eingesetzt, stimmungsvolle Bilder, die selbst Bilder von herrlichen Sehenswürdigkeiten übertrupfen, die in fadem Licht fotografiert wurden.

Hier ein Bild bei Nacht und Nebel. Fotografisch gesehen herrliche Bedingungen. Bei Tag sieht es weit weniger ansprechend aus. 2025

Besondere Bildkomposition

Eine gelungene, interessante Anordnung von Bildelementen macht viel aus. Gerade ein langweiliger Ort kann ein Spielfeld sein, auf dem man lernt und übt, sein Auge für Bildkomposition zu trainieren. Wenn man lernt, grafisch zu arbeiten, beginnt man mit einfachen Übungen, z.B. wie ordne ich 5 schwarze Kreise auf einem weißen Blatt an? Selbst in den eigenen vier Wänden können Fotografien entstehen, die man nie für möglich gehalten hat, wenn man mit der Bildkomposition spielt. Es sind unbegrenzte Möglichkeiten, besonders bei beweglichen Motiven. Und gerade an langweiligen Orten und vielleicht auch bei langweiligem Licht ist es eine gute Übung, mit der Bildkomposition zu spielen, weil das geschulte Auge auch dann besser trainiert ist, wenn die Motive reizvoller und bemerkenswerter sind. Wer es schafft, an einem langweiligen Ort anregende Bilder zu produzieren, kann unter anderen Bedingungen fantastische Bilder gestalten.

Hier ist die Komposition bewusst einfach und reduziert. Dadurch kann die Kirche aber auch „Atmen“ und es wird ihr genug Platz eingeräumt und vom Motiv ablenkende Elemente sind eliminiert. Die zu sehenden Bäume sind für mich eine willkommene Zier. Das Bild lebt auch von den bunt beleuchteten Wolken. 2026

Auf Details achten

Oftmals spaziert man gedankenverloren an einer „unauffälligen“ Stelle entlang. Wenn man genau hinschauen würde, könnte man interessante Details entdecken. Ich denke z.B. an Rauch, der aus einem Schornstein steigt. Ich denke an einen Pfosten oder einen Zaun aus Holz, der besonders gefärbt ist. Ich denke an ein Straßenschild, das aus irgend einem Grund kurios aussieht. Wer die Augen aufmacht, kann an vielen Orten Details entdecken in Beschaffenheit einer Straße, in der Vegetation, in der Beschaffenheit der Architektur, die aus der Nähe wirklich interessant aussehen.

Hier zu sehen: Ein kurioses Schild, das ein wenig die Orientierung verloren hat. 2026

Reflektionen

Gibt es besondere Reflektionen (in einem Fenster, auf der Straße, in einem Bach oder Fluss…), die fotografierenswert sind? Manchmal sind Reflektionen selbst sehr großflächig und können stark ins Auge fallen und die Grundlage für spannende Bilder sein. Vielleicht ist es auch nur, dass durch eine Reflektion ein Motiv besonders ausgeleuchtet oder her vorgehoben wird, das sonst nur ein unscheinbares Motiv wäre, in dem andersartigen Licht aber besonders ins Auge fällt? Selbst eine großflächige weiße Wand, die von der Sonne angestrahlt wird, macht etwas mit den gegenüberliegenden Objekten.

Die Baumkrone wird lediglich in der Reflektion angedeutet. 2026

Besondere Begebenheiten

Ein oder mehrere Autos sind kurios geparkt? Vielleicht trifft man unterwegs eine Katze oder ein besonderes Tier (wie z.B. ein Reh oder einen Fuchs). Es bildet sich eine lange Schlange bereits vor einer Bäckerei.

Ein einsamer Spaziergänger am Rand des Waldes im abendlichen Licht. 2026

Oder es ist von einer Brücke aus ein langer Stau zu beobachten auf der unten liegenden Schnellstraße. Das alles könnten Situationen sein, die besonders sind, fliehende Momente, die nicht wiederkehren, die in Form eines Fotos eine Art Konservierung erhalten.  Es sind solche kurzen Begebenheiten, die alltäglich geschehen und doch einen winzigen Teil der Geschichte eines Lebens darstellen und auch wir selbst sind immer wieder Teil von solchen Momenten.

Zufällig fuhr dieser alte VW-Bus vorbei. Das Timing war hier entscheidend. Bei der langen Belichtungszeit (1/13s) gibt es nur einen einzigen Versuch. Eine Serienbild-Reihe ist zu riskant, will man das Vehikel an einer guten Position fotografieren. Den Weihnachtsbaum allein find ich zu öde. 2026

Mit offenen Augen durch das eigene Leben und die „langweiligen“ Passagen gehen

Der Alltag, die Routinen, die wir durchleben können zu Zeiten auf uns ermüdend wirken. Es kann langweiligen, an dem Ort zu leben, an dem man lebt.

Heute, mit den Möglichkeiten des Fernsehens und des Internets vergleicht man sich mit anderen Menschen von der ganzen Welt. Man sieht, was diese Menschen machen können, wie sie vielleicht die Welt bereisen, wie sie exotisch wirkende Orte besuchen oder exotisch wirkenden Kulturen begegnen.

Der Zaun mag für einen Friedhof nicht besonders sein. Dieser Ort hatte aber nun genau diese (christliche) Dekoration am Eingang. Die hier gezeigte Abenddämmerung ist auch ein Sinnbild für Vergänglichkeit und Tod. Ein Tag endet. 2026

Für mich hat das schon einen gewissen Reiz. Ich finde z.B. große Städte einfach reizvoll. Sie sind für mich nicht ganz unerreichbar, aber mit meinen momentanen Verpflichtungen und Aufgaben und Einschränkungen, die ich erlebe, gibt es andere Prioritäten und solche Reisegelegenheiten sind rar. Und indem ich mich vergleiche mit anderen Menschen und Lebenssituationen an anderen Orten, kann es eine Unzufriedenheit in meiner Haltung und Denkweise hervorrufen.

Hier zieht es das Auge in die helleren Bereiche des Bildes. Das ist der Bereich, der den stärksten Reiz auslöst. 2026

Bei der Frage, was mir persönlich langweilig erscheint, geht es auch um meine Haltung und meine Perspektive gegenüber meinen Grenzen und dem Bewegungsradius, der mir auferlegt ist. Ich kenne viele Menschen, deren Möglichkeiten sind weit geringer als meine. Bin ich dankbar für meine Möglichkeiten? Ich kann in meinem Leben tatsächlich viele Dinge dokumentieren und darstellen, zu denen andere Menschen keinen Zugang haben, aber es braucht offene Augen um die eigenen Möglichkeiten und vielleicht sogar die eigenen Einschränkungen wert zu schätzen. Klare Begrenzungen bringen auch Ordnung und können zu meiner Orientierung und meinem eigenen erlebten Frieden wesentlich beitragen.

Eine Fabrik in der Ferne. Das Bild ist ein wenig abstrakt und zeigt doch etwas, was vielen Menschen auf der Welt vertraut ist. 2026

Zufriedenheit und Dankbarkeit haben mehr mit meiner eigenen Haltung, mit der Perspektive zu tun, die ich selbst einnehme. Und das, was mir vielleicht „langweilig“ erscheint, mag der gelebte Traum eines anderen Menschen sein, der sich z.B. einfach nur wünscht, in einer halbwegs friedlichen Umgebung zu leben, in geregelten Verhältnissen.

Warum ich das „Gewöhnliche“ nicht verachten möchte

Die Augen offen zu haben für das Alltägliche und das Gewöhnliche hilft mir, die friedlichen, leisen und teils auch schönen Momente in meinem Leben nicht gering zu schätzen. Bin ich frei von Schmerzen? Bin ich frei von Angst? Bin ich frei von großen belastenden Anforderungen in dem Moment? Dann habe ich viele Gründe in diesem Moment dankbar zu sein.

Habe ich sogar die Ruhe und Konzentration mit offenen Augen durch meinen „langweiligen“ Ort zu gehen und noch ein paar Bilder zu machen (für mich ist der Besitz einer Kamera und der Gesundheit sie zu bedienen ein Privileg), habe ich noch mehr Gründe, dankbar zu sein. Das heißt ja nicht, dass es in meinem Leben keine Schwierigkeiten und Erschwernisse gibt, aber lieber wohne ich in einer Umgebung, die mir gelegentlich „langweilig“ erscheint, als unter beständigem Druck zu sein oder dauerhaft in einem Krisengebiet zu leben.

Habe ich Menschen, in meinem Leben, für die ich dankbar sein kann, die einerseits eine Verpflichtung mit sich bringen, aber auch ein riesiges Geschenk darstellen? Auch das kann sich in meinen Bildern niederschlagen. Es mögen „gewöhnliche“ Orte sein, an denen ich mich mit mir lieben Menschen aufhalte, aber mit den mir lieben Menschen können es sehr schöne Momente sein und auch das darf sich auf meinen persönlichen Bildern wiederfinden.

Erinnerungen an einen Spaziergang am späten Vormittag. Der Weg ist weiß und voll Schnee. Kalt, aber schön. 2026

Ich möchte das, was an Frieden und Ruhe da ist, in einer dankbaren Haltung wahrnehmen und das kann immer wieder etwas sein, das sich in der einen oder anderen Art in meiner Fotografie wiederspiegelt.