Ich starte meine Gedanken in diesem Artikel mit einem Bibelvers. Die ursprünglichen Adressaten dieser Worte, so kann man es aus dem Text schlussfolgern, waren sehr von sich überzeugt. Sie waren etwas Besseres. Sie hatten mehr Verstand. Sie hatten mehr Wissen, sie hatten mehr Weisheit. Als die anderen.
Kennst du das von dir? Dass du in manchen Momenten so überzeugt bist von dir, dass du deine eigene Überheblichkeit nicht mehr wahrnimmst?

„Ja, die anderen! Die machen so dumme Sachen. Ich kann das gar nicht verstehen. Ich würd mich nie so blöd verhalten wie…“
Was bringt dich überhaupt dazu, so überheblich zu sein? Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk? Wenn es dir aber geschenkt wurde, warum prahlst du dann damit, als hättest du es dir selbst zu verdanken? (Die Bibel, 1. Korinther 4,7)
Die Fragen, die hier aufgeworfen werden, haben es schon in sich. „Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk“?
Gute Startbedingungen im Leben sind ein Privileg, kein Recht
Ein Spruch sagt: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Ich kann aus dieser Welt nichts mitnehmen, wenn ich von dieser Welt gehe. Und Tatsache ist auch, dass ich nackt auf die Welt gekommen bin. Ich habe nichts mitgebracht. Ich konnte nichts für meine Zeugung. Ich konnte nichts für mein Elternhaus oder für die Umstände, in denen ich groß geworden bin. Ich konnte auch nichts für die weitgehende Gesundheit, die ich hatte.

Ich konnte nichts für das Bildungssystem, in dem ich groß werden durfte. Ich habe es mir nicht durch irgend eine Leistung verdient gehabt, Schreiben und Lesen zu lernen. Ich denke, wenn wir uns weltweit umschauen, dann ist Deutschland vielleicht nicht das allerbeste Land in der Welt und auch in Deutschland geschieht viel Unrecht.
Aber die Umstände, unter denen ich groß werden konnte, obwohl ich sicher keine Eltern hatte, die man als wohlhabend bezeichnen würde, waren sehr vorteilhaft und gut. Womit hatte ich das verdient? Ich habe es nicht verdient, es war ein Geschenk.
Vielleicht mag jemand sagen: „Für meine vergleichsweise guten Startbedingungen kann ich nichts. Dafür kann ich ja dankbar sein. Aber ich kann jetzt sehr wohl etwas dafür, dass ich meine Kraft, meinen Verstand und meine Möglichkeiten klug einsetze. Andere setzen ihre Möglichkeiten dumm ein und erleiden Schaden. Ich nicht, und meinen Erfolg habe ich verdient. Den habe ich mir selbst erarbeitet“.
Ich würde soweit gehen und sagen, dass selbst mein Fleiß, meine Ausdauer, mein Einsatz, die irgendwie Grundlage für Gelingen sind, nur ein Geschenk ist. Allein, dass ich die Chance habe und den Willen und die Kraft habe, mein Leben wenigstens von meiner Seite aus in gute Bahnen zu lenken, ist ein Geschenk. Hätten meine Eltern, Lehrer, Großeltern mir nicht vorgelebt und nahegebracht wie zu leben, wäre auch manches anders gekommen. Selbst schlechte Vorbilder waren ein Segen, weil sie z.B. unfreiwillig aufgezeigt haben, wohin ein Lebenstil mit Substanzabhängigkeit führt. Im Nachhinein sehe ich vieles, was mir begegnet ist als Segen.
Das Leben ist ein Bauernhof
Am Ende würde ich sagen, dass ein wichtiges Prinzip im Leben durch eine Illustration aus der Landwirtschaft verdeutlicht werden kann.

Wenn der Landwirt das Feld bestellt, also sein für sein Vorhaben passendes Feld für die Aussaat vorbereitet, dann war das insbesondere in früheren Zeitaltern eine ziemlich mühselige Arbeit. Nach diesem Schritt wird dann zum richtigen Zeitpunkt die Aussaat gemacht. Und daraufhin folgt eine Zeit des Wartens und des Hoffens. Am Ende sollen Sonne, Wind und Wetter so zusammenarbeiten, dass der Boden eine gute Ernte trägt. Genau daran kann der Landwirt aber wenig drehen. Im besten Falle wachsen und gedeihen die Pflanzen und zum Schluss muss der Landwirt den richtigen Zeitpunkt zur Ernte abpassen und wenn er da nachlässig ist, kann es auch Einbußen geben, denn es gibt einen Zeitpunkt, wo das Ernten zu spät kommt.

Nach diesem Prinzip funktioniert vieles im Leben. Das eine ist mein Fleiß, mein Einsatz. Das andere ist das richtige Verständnis und Timing. Das sind Grundvoraussetzungen für eine gute Ernte. Aber das Wachstum der Pflanzen ist zu einem wesentlichen Teil von Sonne und Wetter abhängig. Steht dem Landwirt aufgrund seiner Mühe eine gute Ernte zu? Wenn die Ernte gut ist, kann er dankbar sein. Wenn nicht, ist das traurig und bedauerlich. Aber es ist Teil der menschlichen Begrenztheit, dass es Risiken gibt, dass vom Menschen nicht alles planbar und kontrollierbar ist und man von den Gegenbenheiten abhängig ist.
Steht es uns zu, unversehrt zu bleiben?
Wir setzen es schnell voraus, dass es uns zusteht, dass uns Gutes geschieht. Nein, kein Mensch wünscht sich, dass ihm Schlechtes passiert. Und wenn wir ungerecht behandelt werden, wenn uns Unrecht widerfährt, dann sollten wir das auch als solches bezeichnen. Ich kann natürlich NICHT sagen: „Das ist schon in Ordnung, wenn eine mir nahestehende Person aus reiner Fahrlässigkeit und Sorglosigkeit eines Dritten zu Tode kommt“. Das wäre in jedem Fall eine himmelsschreiende Ungerechtigkeit.
Aber es gibt viele Dinge, die mir geschehen können, die schlimm sind und für die ich keinen Menschen „zur Verantwortung“ ziehen kann. Katastrophen, Unfälle, manchmal ist es einfach eine kleine Unachtsamkeit, die für mich oder andere dramatische Folgen bringt. Steht mir zu, dass ich in diesem Leben unversehrt bleibe? Steht es mir zu, dass ich gesund bleibe? Kinder sterben an Krebserkrankungen. Es gibt viele Erkrankungen, die die Freiheit und Leistungsfähigkeit enorm einschränken.
Ja, gewisse Erschwernisse sind in wohl jedem Leben da. sie sind spürbar. Sie bedrücken zuweilen. Aber selbst diese Erschwernisse machen schönen Momente wertvoller, wenn man weiß, jetzt ist ein besonderer Moment.

Die Wege, auf denen uns Leid zustoßen kann, sind unzählbar. Ist es mein angeborenes Recht, dass ich verschont bleibe?
Kleine Frustanlässe
Es gibt aber auch viele kleine Störungen, die Frust hervorrufen können. Steht es mir zu, dass der Zug fahrplanmäßig fährt? Was, wenn das Paket nicht in angekündigten Zeitfenster ankommt oder gar verloren geht? Was, wenn ich bestohlen werde? Was, wenn mich jemand zu unrecht beschuldigt einen Fehler gemacht zu haben?
Wie reagiere ich insbesondere bei so kleinen Frust-Erlebnissen? Ganz viel kann einen zuweilen an die Decke bringen. Aber hat das Leben oder hat Gott einen Vertrag mit mir geschlossen, dass in meinem Leben die Dinge nach meinem Plan laufen?
Jemand hat mal sinngemäß gesagt: Wir leiden nicht nur am Leid, sondern auch an unserer eigenen Haltung dem Leid gegenüber.

Was ist meine Hoffnung in diesem Leben? Es macht einen Unterschied, ob meine Hoffnung ist, aus meiner Sicht glückliche Lebensumstände und Zeiten zu erleben oder ob meine Hoffnung ist, dass es in diesem Leben zwar sehr schmerzhaft werden kann, aber dass es z.B. nach dem Tod an einem besseren Ort für mich persönlich weitergeht. Bei einer solchen Hoffnung ist meine Frustrationstoleranz in diesem Leben viel höher, wenn mir Widrigkeiten begegnen, genauso wie bei einem Patienten im Krankenhaus, der den operativen Eingriff und seinen Zweck versteht und weiß, dass der Eingriff erst schmerzvoll ist, dann aber langfristig Heilung bringt.
Dankbarkeit als grundlegende Haltung im Leben
-Dankbarkeit fängt da an, wo ich nicht mir selbst das Gelingen zuschreibe, sondern meiner eigenen Begrenztheit und Abhängigkeit bewusst bin.
-Dankbarkeit kommt daher, dass ich verstehe, wo ich überall privilegiert bin.
-Dankbarkeit – so ist meine persönliche Überzeugung – braucht ein Gegenüber. Dazu muss ich ein wenig ausholen. Ich glaube (siehe den zuvor veröffentlichten Artikel) an einen persönlichen Gott, den ich auch in einem Gebet persönlich ansprechen kann. Ich kann nicht dem Wetter dankbar sein, aber dem Gott, der das Wetter gegeben hat.
(Die Bibel, Matthäus 5, 45, Zitat aus der Bergpredigt von Jesus: „Gott lässt seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen und lässt es regnen über Gerechten und Ungerechten“)

-Wenn Dankbarkeit fehlt, bin ich mir nicht bewusst, wie unverdient gut es mir geht und die Undankbarkeit wirkt sich auch auf meinen Umgang mit meinen Mitmenschen aus. Bin ich dankbar, dann bin ich gnädig und geduldig mit anderen, weil ich weiß, wie viel Geduld und Gnade andere bei mir haben walten lassen.
-Dankbarkeit ist eine Haltung, die das ganze Leben durchziehen kann. Mir fehlt Dankbarkeit, wenn ich meine, dass mein Einsatz, mein Wissen, meine Intelligenz das sind, was mich besser oder überlegen macht. Dankbarkeit erkennt auch die eigene Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeiten und ist dankbar, wo andere das tun können, was man nicht tun kann.
Dankbarkeit in der Fotografie
Dankbarkeit ist eine Haltung, die das Leben froh macht, weil ich den Wert der guten Dinge, die ich geschenkt bekommen habe, mehr zu schätzen weiß.
Ich fotografiere gerne draußen. Und da ist man doch sehr abhängig von der Witterung, vom Sonnenstand, von dem, was zu sehen ist und was man begrenzt beeinflussen kann. Und besonders im Winter sind die Tage dunkel, kalt, häufig zudem nass und zudem zeigt sich das Licht nur kurz. Da sind die Zeiten, in denen man draußen sein kann, rarer gesät.
Dankbarkeit kann sich zeigen, dass man auch unter wenig optimalen Bedingungen die Zeiten schätzt, in der man überhaupt draußen sein und Aufnahmen machen kann, auch wenn die Rahmenbedingungen etwas beschwerlich sind.

Dankbarkeit kann sich darin zeigen, dass man sein fotografisches Werkzeug angemessen wertschätzt. Nur, weil die Kamera aus Vor-Corona-Zeiten ist, ist sie nicht automatisch obsolet. Dankbarkeit kann sich darin zeigen, dass man seine alten, guten Sachen behält, solange sie brauchbar sind und gut funktionieren, anstatt sofort, wenn möglich, auf besseres Equipment umsteigt.
Dankbarkeit kann auch darin sichtbar werden, dass man die Schönheit und Ästhetik der geschaffenen Welt feiert und wertschätzt.