Fotografieren heißt viele kleine kreative Entscheidungen treffen. Ob einem diese Entscheidungen bewusst sind oder nicht, macht auf jeden Fall einen Unterschied, weil ich dann bewusst steuern kann, wie das Bild am Ende aussieht. Je weniger ich mir über meine Möglichkeiten Einfluss zu nehmen im Klaren bin, umso weniger kann ich das Ergebnis steuern.

Wenn man sich entscheidet, eine Aufnahme zu machen, stellen sich viele Fragen.
Und dabei geht es im Wesentlichen darum zu entscheiden, was im Bild hergehoben werden soll und auch darum, was nicht gezeigt werden soll, weil es z.B. störend/ablenkend wirken würde. Deswegen kann man sagen: Fotografie ist immer selektiv. Bei jedem klar gestalteten Bild hebe ich etwas hervor und schließe anderes aus und „verstecke“ es.
Welche Fragen kann / darf ich mir stellen, die auf mein fertiges Bild wesentlichen Einfluss haben werden?
Welches Ziel?
Zuerst frage ich mich, was genau will ich fotografieren?
(als ein Beispiel könnte mein Ziel grob heißen: „Ich will ein treffendes Portrait von einem Herrn Soundso aufnehmen vor einer Backsteinmauer“)
Welche Kamera? Welches Objektiv?
Und danach fängt es schon damit an, sich zu entscheiden, welche Kamera und welches Objektiv man nimmt. Nehme ich mein Smartphone (wo oft mehrere Objektive verbaut sind) oder eine richtige Kamera mit Wechselobjektiv? Welches Objektiv dann? Weitwinkel? Teleobjektiv? Superzoom? (mit riesigem Zoombereich)? Es gibt viele verschiedene Varianten von Objektiven, die ich hier alle gar nicht vorstellen kann oder möchte. Letztlich hängt die Wahl der Kamera und des Objektivs von meiner Arbeitsweise, meinen Zielen und den äußeren Bedingungen ab. Bei einem Portrait kann z.B. ein Tele-Objektiv oder ein „Standardobjektiv“ (Weitwinkel bis leichter Telewinkel) sinnvoll sein.
Eine weitere Fragestellung kann auch sein, zu welchem Grad meine Ausrüstung „wettergeschützt“ ist und ob das wichtig für meine Arbeitsweise ist.

Welche Kameraeinstellungen?
Welche Kameraeinstellung für die Belichtung, Autofokus, usw. verwende ich? Alles automatisch? Oder bestimme ich genau, welchen Teil die Kamera automatisch übernimmt und welchen Teil ich? Diese Einstellungen sind für einen unerfahrenen Fotografierenden u.U. sehr komplex. Ein schnell rennendes Kind wird anders fotografiert als ein unbeweglich verharrender Mönch beim Gebet. Und die Auswirkungen von unterschiedlichen Einstellungen sind einfach direkt sichtbar im fertigen Bild und können kreativ abgewägt werden. So kann ich durch meine Einstellungen z.B beeinflussen wie unscharf bei einem Portrait der Hintergrund verläuft oder wie scharf oder unscharf ein vorbeifahrender Zug dargestellt wird. Viele Dinge lernt und erfährt man nur durch Testen (wobei es für viele Situationen Erfahrungswerte gibt). Eine Frage kann auch sein, ob Serienbilder aufgenommen werden sollen (z.B. bei schnellen Bewegungen) oder ist es sinnvoll, langsam ein Bild nach dem anderen zu machen?

Welcher Bildinhalt?
Die nächste Entscheidung ist dann, was genau soll aufs Bild und was soll auf jeden Fall nicht aufs Bild? Diese Fragestellung ist sehr relevant, weil ich eben auch durch das, was ich nicht zeige, einen ganz anderen Eindruck vermitteln kann. So kann ich mich z.B. fragen: Zeige ich das Motiv in seiner Gesamtheit mit entsprechend Raum um das Motiv herum oder zeige ich nur Teile des Motivs? (z.B. beim Portrait nur den oberen Teil des Körpers?). Das alles hängt – wie auch die anderen Punkte – von meinem Ziel ab.
Welche Perspektive?
Von welchem Standpunkt fotografiere ich? Von welcher Richtung aus? Aus welcher Höhe? (bei Portraits z.B. ist auch die Frage: Von oben? Augenhöhe? Von unten? – jede Entscheidung verändert den Bildeindruck)

Welches Format?
Soll mein Bild hochkant oder quer aufgenommen werden? (bei Portraits klassisch hochkant, weil die Form des menschlichen Körpers das „vorgibt“, aber vielleicht will ich mehr von der Umgebung aufs Bild bekommen und wähle das Querformat). Eine weitere Fragestellung kann auch sein, welches Seitenverhältnis des Bildes ich wählen will.
Welcher exakte Moment?
Das Timing ist unheimlich wichtig. Wie schnell hat der Portraitierte aus meinem Beispiel die Augen geschlossen, wenn ich im falschen Moment auslöse. Oder wie schnell ist der Gesichtsausdruck ist „fragend und zweifelnd“ statt „fröhlich entschlossen“. Auch kann die Tageszeit oder momentane Lichtsituation sehr relevant sein, z.B. wenn die Sonne nur für einige kurze Augenblicke durch eine dichte Wolkendecke dringt.

Wie bearbeite ich die fertige Aufnahme?
In der Nachbearbeitung gibt es viele Regler und Möglichkeiten. Habe ich im „Rohformat“ des Herstellers fotografiert, bleiben mir noch viel mehr Spielraum für Nachbesserungen und Anpassungen als bei einem JPEG-Bild direkt aus der Kamera. Die sind manchmal nötig um „Fehler“ auszubügeln (besser schon bei der Aufnahme kluge Einstellungen wählen) oder um eine ganz nuancierte Helligkeitsabstimmung zu gewährleisten.
Wie bewusst geht man die einzelnen Fragen durch?
Mein hier angeführter Fragenkatalog ist sicher nicht umfassend. Und viele Augenblicke kommen so schnell, dass man alles gar nicht so bewusst durchdenken kann. Aber bewusste Planung zusammen mit einem großen Erfahrungsschatz machen einen großen Unterschied.
Habe ich meine Kamera vorab in weiser Voraussicht auf die Situation abgestimmt, werden die Bilder besser, denn ich habe den Kopf frei, es passieren weniger Fehler und ich kann mich mehr auf das konzentrieren, was für eine gelungene Aufnahme wichtig ist.
Lernender Sein
Ja, ich bin überzeugt: Auch jemandem, der nicht weiß, was Blende, Belichtungszeit und Iso-Einstellung sind und seine Kamera ausschließlich in der Automatik betreibt, werden schöne Bilder gelingen können.
Aber es bringt viele Vorteile sich z.B. mit der Physik hinter der Fotografie zu beschäftigen, sich proaktiv mit Fragen der Bildkomposition zu beschäftigen, und auch damit, wie z.B. eine Sportart, die man fotografieren will, funktioniert um abschätzen zu können, was voraussichtlich als nächstes passiert um dann entsprechend zu agieren.

Dann kann ich planbar zu besseren Bild-Ergebnissen und zu mehr „Erfolg“ beim Fotografieren kommen. Und dieser „Erfolg“ meint nicht unbedingt technische Perfektion, sondern, dass man in der Lage ist, seine fotografischen Ideen zu verwirklichen, selbst wenn die Ergebnisse oder Umsetzung bewusst „unkonventionell“ sein mögen.