Mit den Füßen zoomen?

Es gibt viele unterschiedliche Objektive, die sich in Funktion und Bildergebnissen unterscheiden. Es gibt verschiedene Begriffe, die helfen sollen, einzuordnen, um was für ein Objektiv es sich handelt.

Eine ganz grundsätzliche Unterscheidung ist dabei die Einordnung in 1. Zoom-Objektive und 2. Objektive mit fester Brennweite.

Zoom-Objektiv

Ein Zoom-Objektiv, erlaubt mir aus meiner momentanen Position durch das „Hinein-Zoomen“ mein Motiv größer abzubilden. Unterschiedliche Zoom-Objektive haben verschieden große Zoombereiche. Manche können 2fach, 3fach, 5fach oder 10fach oder noch mehr vergrößern.

Aufnahme in Weitwinkelstellung
Aufnahme in Telestellung (ca. 4x vergrößert)

Objektiv mit fester Brennweite

Bei einem Objektiv mit fester Brennweite verhält es sich wesentlich anders. Das Motiv kann nicht vergrößert abgebildet werden. Die meisten Leute werden sogenannte „Festbrennweiten“ aus dem Smartphone kennen. Da handelt es sich bei der Hauptkamera meist um eine Weitwinkel-Festbrennweite. Klar kann man „digital zoomen“, aber um bei gleichbleibender Bildqualität das Motiv größer abzubilden, muss man dann zu Fuß näher herangehen.

Wesentliche Unterschiede:

Festbrennweiten-Objektive an einer System-Kamera sind meist vergleichsweise klein und lassen viel Licht in die Kamera. In dieser Hinsicht sind sie flexibel. Die Zooms sind vergleichsweise groß und schwer und lassen meist weniger Licht in die Kamera. Dafür ermöglichen sie wesentlich mehr Flexibilität, wenn man seine Position nicht verlassen kann oder will, weil der Bildausschnitt variabel vergrößert oder verkleinert werden kann.

Praktische Folgen einer Festbrennweite

Bei einer Festbrennweite habe ich nun drei Möglichkeiten, wenn ich etwas größer oder kleiner darstellen möchte.

1.  Wenn ich etwas vergrößert zeigen möchte, muss ich näher heran gehen. Und wenn ich etwas kleiner darstellen möchte, muss ich weiter weggehen. (das sogenannte „Zoomen mit den Füßen“). Das geht jedoch immer einher mit einem Perspektivwechsel.

2. Wenn ich an Ort und Stelle doch eine Art Zoom-Funktion haben möchte, muss ich das Objektiv wechseln zu einem Objektiv, das mir eine Verkleinerung oder Vergrößerung möglich macht.

3. Für eine Verkleinerung fertige ich ein Panorama an (mehrere Einzelbilder werden zu einem großen Bild zusammengefügt); für eine Vergrößerung wähle ich in der Bildbearbeitungssoftware meiner Wahl einen engeren Bildausschnitt. Ersteres ist etwas umständlich, aber bringt eine erhöhte Bildqualität mit sich, Zweiteres ist recht einfach, aber die Bildqualität wird gemindert.

Perspektivwechsel

Im Detail will ich noch einmal auf die erste der drei Möglichkeiten eingehen, nämlich auf das „Zoomen mit den Füßen“.

Grundsätzlich bringt ein nicht vorhandener Zoom einen dazu, schneller eine andere Perspektive einzunehmen, aber man muss sich eben wesentliche Beschränkungen bewusst machen. Manchmal ist es einfach nicht möglich, z.B. näher heran zu gehen, weil sich vielleicht ein Fluss oder eine Schlucht vor mir befindet.

Mit sehr großen Motiven funktioniert das näher Herangehen auch nur bedingt.

Denkt man an ein hohes Gebäude, dann kann ich mit einem weitwinkeligen Objektiv zwar sehr nah an das Gebäude heran und stehe dann dumm da, wenn ich die Mauer von unten hochschaue und alles seltsam aussieht.

Wollte ich oben an der Fassade mit dem angesetzten Objektiv ein Detail herausarbeiten, dann hilft nur, das Gebäude an der Fassade empor zu klettern, oder, was weniger lebensgefährlich ist, eben doch auf ein anderes Objektiv zu wechseln, z.B. auf ein Tele-Zoom-Objektiv, das aus größerer Entfernung Detail-Aufnahmen der Fassade ermöglicht.

St. Pauls in London. Ohne Zoom kann ich zwar näher ran.
Zu Fuß kann man St. Pauls recht nahekommen. Die Perspektive ist verändert. Das kann gut aussehen. Hier finde ich die Wirkung eher ungünstig.
Auf dem obigen Bild sieht man eine Aufnahme von der vorher gezeigten Brücke aus mit ca. 6-facher Vergrößerung. Hätte das Objektiv mehr hergegeben, hätte ich bei einer anderen Aufnahme noch näher herangezoomt.

Wo Zoom-Objektive glänzen

Gerade in der Stadt sind Zoomobjektive mit großem Zoombereich eine echte Bereicherung. Denn dann kann ich sowohl zoomen, ohne meinen Standort zu verlassen als auch einen neuen, besseren Standort finden und von da aus wieder die vollen Möglichkeiten meines Zooms genießen. Teilweise gibt es Zooms auf dem Markt, die mehr als ein 15faches Zoomen bei ansprechender Bildqualität erlauben. (und kurz genannt: einige Spezial-Bridgekameras bieten noch mehr Vergrößerung…). Zooms zeigen in solchen Situationen ihr volles Potential, auch weil man schnell und unkompliziert auf eine veränderte Situation reagieren kann. Dazu braucht es dann in jedem Fall ausreichend Licht.

Stärken der Festbrennweiten-Objektive

Festbrennweiten-Objektive beginnen z.B. dann zu scheinen, wenn das Licht knapp wird und eine schnelle Verschlusszeit dringend benötigt wird. Dann ermöglichen sie Bilder, die anders nicht vorstellbar wären und teils in einer Bild-Qualität, die ein Zoom-Objektiv einfach nicht erreicht. Festbrennweiten laufen dann zu Hochform auf, wenn sie viel Licht in die Kamera lassen und dadurch ein Aussehen der Bilder zu lassen, das ein Objekt herausstechen lässt, weil das Objekt scharf und klar dargestellt wird, Hintergrund und Vordergrund aber verschwimmen (wird von vielen als „Portrait-Look“ geschätzt).

Festbrennweiten erfreuen dann den Nutzer, wenn sie bei relativ geringer Größe und guter Portabilität doch vergleichsweise erstaunliche Bilder möglich machen.

Fotografiert mit einer Portrait-Festbrennweite

Fazit

Das sogenannte „Zoomen“, wenn es bei einem Festbrennweiten-Objektiv mit den Füßen geschieht, kann niemals die Funktion eines richtigen Zoom-Objektivs ersetzen oder vergleichbare Bilder ermöglichen.

Ich würd es daher auch einfach Perspektivwechsel nennen. Denn nichts anderes ist es. Das kann zu kreativeren Perspektiven und Positionen führen, aber das Bild, das mit einem Zoom-Objektiv am ursprünglichen Standort erreichbar gewesen wäre, bekomme ich durch das „Zoomen mit den Füßen“ nicht.

Jedes Objektiv ist ein Kompromiss

Letztlich ist jedes Objektiv, sei es ein Zoom-Objektiv oder ein Objektiv mit fester Brennweite ein Kompromiss. Ein Objektiv, das „alles“ kann, gibt es nicht. Würde es dieses Objektiv geben, wäre es gewaltig groß und schwer und vermutlich dadurch im Gebrauch wieder sehr eingeschränkt…

Durch die Fotografie wie auch durch das ganze Leben ziehen sich Begrenzungen. Ich kann ein schnelles, kleines, wendiges Auto fahren, das in jede Parklücke passt. Oder ich kann einen großen, eher schwergängigen Lieferwagen fahren, der mich viele Güter transportieren lässt, dem dafür aber weniger Parkmöglichkeiten offenstehen. So ist das auch mit den Objektiven.