Vor fast 30 Jahren kam der Film „Der Prinz von Ägypten“ in die Kinos. Die Erinnerungen an den damaligen Kino-Aufenthalt sind bei mir verschwommen.
Aber der Film blieb hängen.

Das liegt sicherlich an der Thematik des Filmes, der auf der (bekannten?) Geschichte des Auszugs der versklavten Israeliten aus Ägypten basiert, wie im Buch des Exodus beschrieben ist.
Zeichentrick für Erwachsene
Der Prinz von Ägypten“ ist ein Animationsfilm, der 1998 veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine Mischungs aus Zeichentrick und Computer-Animationen, wobei die Animationstechniken handgezeichneten und computeranimierten Bilder auch miteinander kombiniert werden.
Es gibt vor allem in den westlichen Ländern ein häufiges Missverständnis, dass Animationsfilme gleich Kinderfilme sind und sicherlich wendet sich der Film gewissermaßen auch an Kinder.
Ich denke aber, dass gerade dieser Film sich am Ende mehr an ein erwachsenes Publikum richtet, weniger wegen einer expliziten Darstellung von Gewalt oder Sexualität, sondern wegen des Ausgangsmaterials, das auch nicht in erster Linie für Kinder verfasst ist, in dem ein versklavtes und misshandeltes Volk in der seine Befreiung von seinen Unterdrückern erlebt – im Kontext einer realen antiken Kulisse.

Eine biblische Geschichte
Die Darstellung der Geschichte in Prinz von Ägypten ist meines Erachtens der Vorlage treu, weil sie die Geschichte nicht verniedlicht oder überzeichnet und umdeutet in einer Art freien Interpretation, sondern sich nachvollziehbar an den Themen des tatsächlichen hebräischen Textes des Auszugs aus Ägypten entlang hangelt.
Ich finde, dass die Darstellung des hebräisch / biblischen (unsichtbaren) Gottes sich hier wirklich respektvoll am ursprünglichen religiösen Text orientiert und den Protagonisten Moses auch in wesentlichen Zügen so darstellt wie er im Buch Exodus geschildert wird, nämlich als jemanden, der sich selbst nicht für der Aufgabe angemessen kompetent hält und nach einer göttlichen Zurechtweisung dennoch dem göttlichen Ruf folgt und den Auftrag erfüllt – der ohnehin nur durch die göttliche Hilfe erfüllbar ist.
Natürlich ist der Film eine Interpretation der Geschichte durch Künstler mit vielen Freiheiten und kreativen Ideen, die aus meiner Sicht die wesentliche Handlung aber treffend wiedergeben.
Humorvoll und menschlich, aber ohne Klamauk und Ironie
Der Film ist an Stellen durchaus humorvoll, aber er versucht nicht künstlich witzig oder ironisch zu sein, wo es unangebracht wäre. Es fehlen auch Charaktere, die regelmäßig als Witzfiguren mit überzogen klamauk-artigen Handlungen die Zuschauer zum Lachen bringen. Zwar gibt es z.B. zu Beginn des Films eine Szene, in der Moses als junger Mann ein Wagenrennen gegen seinen „Bruder“ und späteren Feind Ramses fährt.
Dabei entsteht eine Menge Chaos und Zerstörung – durchaus witzig für das Publikum dargestellt – und insbesondere der junge Moses hat viel Spaß an der Sache.
Das Ganze mündet letztlich in eine Standpauke des königlichen Vaters, der dieses unreife und verantwortungslose Verhalten besonders seines Sohnes Ramses nicht duldet.

Schon hier wird deutlich, welche Verantwortung auf demjenigen lastet, der sein Volk in gute Zeiten führen will. Im Film werden am Ende beide, sowohl Ramses als auch Moses, zu Anführern, die für jeweils ihr eigenes Volk kämpfen und daher, obwohl sie „Brüder“ sind, einen heftigen Konflikt austragen.
Die Stärken des Filmes
Die Stärken des Filmes sehe ich in den herrlichen Animationen, die wirklich kunstfertig und stimmungsvoll sind und fein umgesetzt sind – aus einer ästhetischen Sicht (auch die gleichzeitige Nutzung von gezeichneten und computeranimierten Elementen ist gut abgestimmt und aus meiner Sicht unauffällig gealtert)
Bombastisch ist auf jeden Fall die musikalische Untermalung.
Zum einen ist die Filmmusik wirklich zur Handlung passend, zum anderen sind die Musical-Einlagen hervorragend. Man kann nicht sagen, dass ich Musical-Einlagen an sich sonderlich mag. Hier ist es jedoch gut umgesetzt und nicht umsonst setzt Disney in vielen Filmen auch auf dieses Stil-Mittel.
Die Leute, die für die Musik des Filmes verantwortlich waren, wussten jedenfalls, was sie taten.
So ein Film lebt sicherlich auch davon, dass er auf einem geeigneten Medium betrachtet wird. Ein kleines Smartphone-Display gibt aus meiner Sicht nicht den Eindruck wieder, der von den Machern des Filmes erweckt werden wollte – ein ordentliches Heimkino wäre schon besser geeignet um die Wucht, die der Film zuweilen musikalisch und visuell entwickelt, besser rüber zu bringen.
Allein die Eröffnung des Filmes ist dermaßen bild- und tongewaltig, dass eigentlich nur die große Kinoleinwand angemessen erscheint, diesen brachialen Start in den Film zu zeigen.
Ein Film, der ein mitdenkendes Publikum voraussetzt
Manche heutige Filme oder Serien leiden daran, dass sie dem Zuschauer nicht zutrauen, mitzudenken, sodass die Charaktere in den Dialogen permanent alles erklären, was geschieht – und damit sozusagen „übererklären“.
Diese Filme scheinen mehr Hörspiel als Film zu sein, was auch dem Trend Rechnung trägt, während des Film-Schauens noch weitere Dinge zu machen – wie online zu shoppen oder die sozialen Medien zu durchforsten oder Text-Nachrichten zu schreiben.

Im Prinz von Ägypten wird vieles, was erwähnens- und erklärenswert wäre, gar nicht explizit ausgesprochen, oftmals bekommt man nur einen visuellen Hinweis auf einen Handlungs-Aspekt, sodass man zum einen einen Vorteil hat, wenn man die Geschichte im Original kennt, zum anderen aber auch mit seinen Augen konzentriert dabei bleiben muss um im Blick zu behalten, was geschieht und wichtig ist – das ist auch der relativ kurzen Spieldauer des Filmes geschuldet.
Man kann schon sagen, dass man die wesentliche Handlung auch ohne Vorkenntnisse gut verständluch wird, aber manches erschließt sich zuweilen eher den Kennern der Geschichte.
In der Original-Sprache (English) glänzt der Film auch mit bekanntem Schauspielern, die die Sprechrollen übernommen haben.
Vergleich mit anderen Animationsfilmen
Der Film erhielt durch seinen bekannten Song „When you believe“ (Mariah Carey und Whitney Houston) eine Oscar-Auszeichnung für den besten Film-Song und hat dadurch sicherlich eine Würdigung in der Filmwelt bekommen.
Ich würde die Qualitäten des Filmes tatsächlich wie beschrieben mehr an anderen Sachen festmachen.
Spätere Animations-Filme vom Filmstudio Dreamworks waren beispielsweise sowohl, was ihre Bekanntheit und ihren Ruf angeht, wesentlich größere Erfolge – wie z.B. die Shrek-Reihe, Kung Fu Panda-Reihe oder „Drachenzähmen leicht gemacht“.
Der Prinz von Ägypten ist für mich anders als die meisten Animationsfilme, weil er einerseits nicht in Ironie und Gags ertrinkt und er andererseits eine tiefe menschliche Dimension hat – man kann sich wirklich in die dargestellten Figuren hineinversetzen und ihre Beweggründe verstehen.
Für mich ist der filmische Höhepunkt dabei nicht der erfolgreiche Auszug aus Ägypten (wobei der auch wundervoll gestaltete Szenen beinhaltet), zu dem dann auch das Lied „When you believe“ gesungen wird. In Meinen Augen findet man den Höhepunkt des Films in der Konfrontation zwischen Moses und Ramses und dem sich dabei entfaltenden Drama dieses Konflikts der zwei ungleichen Brüder mit unterschiedlichen Lebenswegen.
Er behält dabei auch für heutige Menschen unbequeme Aspekte der Geschichte bei (man denke z.B. an die tödliche zehnte Plage) und schafft so eine Tragweite, die andere Animationsfilme in dieser Form selten erreichen.

Fazit
Am Ende ist „der Prinz von Ägypten“ zuerst einmal Film und Unterhaltung – aber er ist nicht nur das – er hat die selten zu sehenden religiösen Bezugspunkte und Gottes-Begegnung zum Thema – und schlägt einen erwachseneren Ton an als viele vergleichbare Filme. Das macht ihn besonders und hebt ihn aus meiner Sicht aus der Masse der Animationsfilme heraus, die hintergründig sicherlich auch ernste Themen und Werte ansprechen und propagieren, aber oft in einer eher stärker fantastischen Welt angesiedelt sind und mehr auf Gags und Action setzen.
Die Musik, die visuelle, künstlerisch kreative Darstellung und die Art, die Geschichte zu erzählen sind in meinen Augen fantastisch. Der Film schafft so eine dichte Atmosphäre und ist bis heute sehenswert.