Je nach Foto-Genre gibt es Aufnahmen, die als Standard gesetzt sind und nahelegen, wie eine Aufnahme gemacht werden sollte und aufgebaut sein sollte.

Verschiedene „Klischees“
„Straßenfotografie“ sollte in schwarz-weiß gehalten sein, hohe Kontraste zeigen und am besten im herrlichsten Licht Silhouetten von Fußgängern an spektakulär ausgeleuchteten Orten zeigen.
Landschaftsaufnahmen sollten ein Gewässer, einen Berg und einen herrlichen teilbewölkten Himmel bei tief stehender Sonne zeigen.
Ein urbanes Portrait sollte einen Menschen vor einer Ziegelstein-Wand zeigen – in cooler Pose, aber der Hintergrund sollte am besten nur angedeutet sein, der Portraitierte muss scharf dargestellt werden, die anderen Bildelemente sollten möglichst stark verschwommen sein.

Natürlich würde niemand diese Aussagen im absoluten Sinn unterschreiben. Und doch provozieren die sozialen Medien dazu, sich zu vergleichen und den Stil und die Methodik anderer Fotografen zu kopieren.
Man sieht, welche Ergebnisse die anderen hervorbringen und man bemüht sich, durch Technik, Methodik und entsprechende Motivwahl die Ergebnisse zu erreichen, die andere erreicht haben.

Müssen meine Bilder den Werken anderer gleichen?
Insbesondere bei Bildern, die rein als Hobby entstehen und nicht im Sinne eines Auftrags angefertigt werden, ist doch die Frage, wer bestimmt, was ein angemessenes Bild ist und was nicht?
Am Ende ist Fotografie aus meiner Sicht etwas sehr Individuelles. Wenn mich ein Motiv reizt und interessiert, wird es mir viel leichter fallen, es gekonnt in Szene zu setzen, als ein Motiv einzufangen, das für mich keine Anziehungskraft hat.

Wenn für mich hauptsächlich relevant ist, wie das Motiv und das Foto auf andere vermutlich wirken werden und welche Anerkennung ich dafür bekommen könnte, dann bin ich (womöglich unnötig) ziemlich stark eingeschränkt.
Müssen meine Fotos spektakulär sein? Können sie nicht einfach auch wenig spektakuläre Dinge zeigen, die so alltäglich sind, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, wie sie beschaffen sind und aussehen?

Warum es sich lohnen kann, Unscheinbares zu fotografieren
Ich bin der Überzeugung: Auch bei Bekanntem lohnt es sich, genauer hinzusehen und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Klar mag ich denken: „Das weiß ich schon! Das kenn ich schon“.
Aber oftmals lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht wenige Dinge weisen Nuancen auf, die wirklich einen Unterschied machen. Wenn wir die Nuancen wahrnehmen, kann es uns dazu bringen, die Dinge mehr zu schätzen und mehr zu staunen über das, was ist. Vieles nehme ich nicht mehr wahr, weil ich es für selbstverständlich nehme und nicht mehr richtig hinsehe. Die Welt ist voller Wunder. Fotografie kann ein Weg sein, die Augen für die vielen kleinen und großen Wunder geöffnet zu bekommen.
