Mir scheint es manchmal so, als ob es einen Mythos gibt, eine Art Legende unter Fotografierenden, dass ein Bild nur dann „korrekt“ belichtet ist, wenn alle Teile des Bildes gleichermaßen gut zu erkennen sind. Die hellen Bildbereiche sollten nicht „ausgebrannt“ sein und die dunklen Bildbereiche sollten nicht „ins Schwarze absaufen“.

Was meint das Wort „Dynamikumfang“?
Eines der magischen Worte in der Fachsprache der Fotografierenden ist „Dynamikumfang“. Der Dynamikumfang meint, wie groß der Bereich ist, den eine Kamera erfassen kann, was helle Bereiche und dunkle Bereiche in einem Bild angeht. Je größer dieser Berrich ist, umso größere Helligkeitsunterschiede können in einem Bild dargestellt werden. Das kann z.B. relevant sein, wenn man aus einer eher dunklen Zimmer durch ein Fenster hinaus ins viel hellere Freie fotografiert und man in einem Bild beides zeigen möchte. Das „dunkle“ Zimmer und den „hellen“ Außenbereich. Lange konnte kaum eine Kamera die hellen und die dunklen Bereiche in einem Bild angemessen „einfangen“. Durch Weiterentwicklung der Bildsensor-Technologie gab es Fortschritte.
Man liest zu Dynamikbereich in Fachpublikationen dann Zitate wie: „Die Canon EOS 6D Mark II hat einen im Vergleich zum Vorgängermodell nahezu nicht verbesserten oder gar leicht schlechteren Dynamikumfang“. Aus Sicht manch eines Kamerakäufers ist so etwas gewissermaßen ein „No Go“, dass eine Kamera Schwächen im Dynamikumfang aufweist und man nicht ohne Weiteres im Nachhinein z.B. bei einer ungünstigen Belichtung das Bild in der Nachbearbeitung „retten“ kann.
Natürlich gilt hier das Sprichwort: „Haben ist besser als brauchen“. Mir geht es nur darum, dass manchmal der Eindruck entsteht, dass Kameras, die vor 20 Jahren erschienen sind, wie z.B. die legendäre erste „Canon 5D“ oder die „Nikon D700“ eigentlich gar nicht brauchbar wären.
Dynamikumfang in Smartphones
Einige Hersteller von Smartphones haben sich allem Anschein nach auf die Fahnen geschrieben: Nie wieder Bilder, in denen irgend ein Bereich zu dunkel oder zu hell dargestellt wird. Also ich soll gleichermaßen die Details im Innern eines Tunnels sehen können wie auch genau erkennen können, was sich am anderen Ende des Tunnels abspielt, also da, wo das Licht herkommt. Dies wird dann unter dem Menüpunkt HDR (High Dynamic Range – hoher Dynamikumfang) eingestellt.

Manche Hersteller wie Google haben die Algorithmen ihrer Smartphone-Kameras quasi so programmiert, dass sie standardmäßig ein „Zwangs-HDR-Bild“ erzeugen (Stand 2026), indem wohl ohne Zutun des Nutzers vollautomatisch tatsächlich mehrere Bilder in unterschiedlichen Helligkeits-Einstellungen aufgenommen werden und dann zusammengerechnet werden (Denn die kleinen Bildsensoren der Smartphones verfügen an sich über keinen all zu hohen Dynamikumfang).
Der Vorteil des „Autopiloten“ im Smartphone
Viele Nutzer begrüßen tatsächlich diese volle Automatisierung, einfach das Smartphone in eine Richtung zu halten, einen Bildausschnitt zu wählen, den passenden Moment abzuwarten und sich sonst keine Gedanken mehr machen zu müssen, weil die Kamera alles selbstständig entscheidet. Und ich gebe zu, es gibt zweifellos viele Momente, wo das sehr nützlich sein kann, weil man z.B. in dem Moment das Fotografieren ganz bewusst nicht zu Priorität machen kann und will.
Und ich denke, die meisten Menschen machen sich wenig Gedanken über die physikalischen Hintergründe der „Belichtung“ eines Bildes, genauso wenig wie sie über die Mechanik des Motors in ihrem Auto nachdenken oder über die Funktionsweise des Akkus, aus der ihr Smartphone seine Energie bezieht.

Sie sind einfach froh, dass es „funktioniert“ ohne, dass man theoretisches Hintergrundwissen braucht. Das Smartphone weiß in dem Fall, was zu tun ist und macht es dem Nutzer nahezu unmöglich, etwas „falsch“ zu machen. So geht es wenigstens mir im Umgang mit dem Google Pixel.
Wo ein hoher Dynamikumfang hilft
Natürlich haben Bilder mit einem hohen Dynamikumfang ihren Platz und ihre Funktion und bestimmte Genres mögen davon profitieren, z.B. Landschaftsbilder im abendlichen Gegenlicht, wenn das Ziel ist, die Szenerie als Ganzes einzufangen und möglichst das wiederzugeben, was das eigene Auge sieht.
Ein hoher Dynamikumfang kann fraglos auch hilfreich sein, wenn ich beides in einem Bild zeigen möchte: Die Zuschauer im eher dunklen Raum und die Bühne, die deutlich heller ist als die Zuschauer.
Meine Tendenz war lange Zeit, standardmäßig die Schatten meiner Bilder heller zu machen und die hellen Bereiche dunkel zu machen. Ja, man sah dann alles, was da war. So wie bei der Pixel-Kamera.
Was man verpasst, wenn man sich von der Automatik bedienen lässt
Diese oben beschriebene Automatisierung kann auch problematisch sein, weil sie sie – vereinfacht gesagt – alles gleich macht. Licht und Schatten stellen einen Kontrast dar. Im Extremfall tritt der Kontrast dann in Gestalt von Schwarz und Weiß auf.

Diese Kontraste sind eines von vielen Gestaltungsmitteln in der Fotografie. Das Schöne an den heutigen Bilddateien, ist, dass man nicht das ganze Potential des vorhandenen Dynamikumfangs ausnutzen muss. Ich kann gezielt damit spielen, dass es ziemlich helle und ziemlich dunkle Bereiche im Bild gibt.
Ein Bild, das einen sehr großen Dynamikumfang darstellt, kann flau aussehen und ohne pulsierende Kraft, weil die klaren Kanten und klar voneinander abzugrenzende Bildelemente fehlen. Auf diese Weise kann im schlechten Fall alles „flach“ wirken.

Licht und Schatten als Gestaltungsmittel nutzen
Zuweilen kann es durchaus sinnvoll sein, Bereiche zu haben, die sehr dunkel oder sehr hell sind, wo man nur erahnen kann, was dort ist.
Ein banales Beispiel kann der oben gezeigte Tunnel sein. Ich zeige das Innere des Tunnels. Aber, was sich außerhalb befindet, ist ganz in weiß, man kann es nicht erkennen. Und mein Bild gewinnt so an Spannung und Tiefe, weil ich nicht weiß, was sich im hellen Bereich des Bildes befindet. Oder ich schaue von außen in die Öffnung einer geöffneten Tür. Ein „schwarzes Loch“ mag geheimnisvoll, vielleicht bedrohlich wirken. Ich mag im Bild mit dieser Ungewissheit spielen.

Kameras sind Werkzeuge, die dazu da sind, gezielt und durchdacht zur Gestaltung eines Bildes eingesetzt zu werden und ein geringer Dynamikumfang in meinem Bild mag mir helfen, mich auf das Wesentliche zu fokussieren. Muss im Bild alles erkennbar sein? Manchmal kann eine Reduktion ein Segen sein. Ich kann Störendes verschwinden lassen. Ich muss nicht alles zeigen.
Fotografie ist Malen mit Licht. Und meine Aufgabe sehe ich auch darin, zu bestimmen, wie viel vom vorhandenen Licht ich einfange. Als Fotografierender darf ich bewusst gestalten, und Licht und Schatten „sichtbar“ machen, z.B. bei Architektur-Aufnahmen, wo man im Bild klar erkennen kann, wo die Sonne „drauf knallt“ und was ihre ‚Arme“ nicht mehr fassen können, was auch bei tief stehender Sonne und erhöhten Gebäuden seinen Reiz haben kann.

Am Ende gibt es nicht unbedingt ein „richtig“ und ein „falsch“, was Belichtung und was auch die Bearbeitung von Fotos angeht. Aber eine klare Gestaltung, auch durch Hell-Dunkel-Kontraste kann ein wirksames Mittel sein um Bilder lebendiger, reizvoller und klarer aussehen zu lassen.








