Ich liebe Stadt-Trips.
Wenn ich meine Fotografie-Sachen für eine Reise zusammenpacke, dann greife ich oft instinktiv zu einem Zoom-Objektiv.

„Am besten deckt es einen möglichst großen Zoom-Bereich ab, damit ich alle möglichen Motive abdecken kann. Ich muss ja für jede Lage gewappnet sein. Ich bin ja schließlich nicht jeden Tag dort!“ Das habe ich mir gesagt.
Und ja, ich habe ein kleines, universales Zoom-Objektiv dabei gehabt.
„Für alle Fälle“.
Brauche ich ein Zoom-Objektiv wirklich?
Ich habe mich aber tatsächlich dafür entschieden, einen Tag lang nur mit einem Objektiv zu fotografieren, das manche schon als „Vintage“ -Objektiv labeln würden. Es ist nicht ganz so alt. Es stammt aus dem Jahr 1991 und soll bis 2018 hergestellt worden sein. Es ist ein (leichtes) Teleobjektiv, das insofern modern ist, dass es über Autofokus verfügt. Die Rede ist vom Canon EF 100mm f/2,0 USM-Objektiv.

Das Objektiv ist eben kein Zoom-Objektiv, sondern eine sogenannte Festbrennweite. D.h. soll das Motiv größer dargestellt werden, muss ich näher heran gehen, soll es kleiner dargestellt werden, muss ich weiter weggehen.
Ich bekomme mit diesem Objektiv nicht sonderlich viel von der Umgebung mit aufs Bild – genau diese Eigenschaft kann man schnell als Problem ausmachen, denn eines ist das Objektiv nämlich nicht: „Universell nutzbar“.
Mancher würde es als Portrait-Objektiv bezeichnen. Es ist im Vergleich z.B. deutlich kleiner als das Canon EF 135mm f/2 L-Objektiv. Während letzteres als legendär für Portrait-Aufnahmen gilt, fristet das Canon EF 100mm f2,0 USM eher ein Schattendasein (populärer in ähnlicher Preisregion des genannten 100mm-Objektivs ist fraglos auch das vergleichbar gebaute Canon EF 85mm f/1,8 USM-Objektiv).
Das Canon EF 100mm f/2 ist zweifellos für Portraits hervorragend geeignet. Es lassen sich aber auch ganz andere Sachen damit anstellen.
Das Objektiv erlaubt „scharfe“ Bilder, weist aber weder die extrem hohe Auflösung, noch den hohen Bildkontrast auf, die viele moderne Objektive darstellen können. Gefällige und scharfe Bilder lassen sich aber fraglos schießen. Den Bild-Eindruck würde ich als „natürlich“ beschreiben, ohne irgendwelche besonderen Auffälligkeiten. Das Einzige, was ich erwähnenswert finde, ist eine gewisse „analoge“ Anmutung, was vermutlich an der für analoge Kameras gedachte Vergütung der Linsen liegen dürfte.
Wegen des beschriebenen engen Bildwinkels ging ich so vor: Mein Smartphone habe ich für gelegentliche Weitwinkelaufnahmen verwendet, falls es nötig/sinnvoll war. Das kam aber eher wenig vor und ich habe versucht mich mit den anders gearteten Aufnahmebedingungen zu arrangieren.
Wie lebt es sich damit, mit einem engen Bildwinkel zu fotografieren?
Es war aber ein spannendes Experiment, mich im Wesentlichen auf dieses eine Objektiv zu fokussieren – angesichts der Furcht, etwas zu verpassen.

Was ich dabei erfahren habe, ist für mich an sich nicht neu, aber immer wieder bemerkenswert.
Die Begrenzung, die mich jedes Mal aufs Neue massive Einschränkungen befürchten lässt, zwingt mir eine veränderte Vorgehensweise auf, nimmt mir aber gleichzeitig viele Entscheidungen ab. Ich hätte die Bilder mit einem Zoom-Objektiv ganz sicher nicht in dieser Weise gemacht. Der Bildausschnitt wäre mir oftmals zu eng gewesen. Ich hätte alles anders aufgezogen, oft mehr aufs Bild gepackt. Aber ich konnte nicht.
Und das ist gar nicht so schlecht, denn oft packe ich zu viel in meine Bilder, eben „weil ja alles aufs Bild soll“.
Eine wichtige Fähigkeit beim Fotografieren ist, klug zu entscheiden, welche störenden Elemente man aus einem Bild weglässt. Genau dazu, zum bewussten Weglassen werde ich hier gezwungen.
Im Ergebnis sind keine Wunder-Bilder entstanden.
Die Bilder sind nicht auf absolute perfekt „feingeschliffene“ Ästethik getrimmt, aber zeigen Momente, wie sie mir unterwegs begegnet sind.
Ich lasse z.B. teils die Menschenmassen in den Einkaufsstraßen oder auf Plätzen gezielt etwas in Unschärfe verschwimmen, zudem wirkt die Anordnung dabei teils durchaus unruhig und heterogen. Aber das gibt eben jenes Treiben und den Eindruck, der bei mir dabei vor Ort in der Situation auftrat, ganz gut wieder.
Manches Bild wirkt in diesem Sinn ungeschliffen und unruhig. Vielleicht wäre ein „besserer“ Moment später noch gekommen, wenn ich länger gewartet hätte. Das mag sein. Am Ende ist die verfügbare Zeit immer begrenzt und ich entscheide mich dann häufiger lieber für Aufnahmen, die in einer Hinsicht mehr „Schnappschüsse“ als von langer Hand geplante und durchdachte Aufnahmen darstellen, bleibe dafür aber in Bewegung und entdecke weitere Orte und weitere Foto-Gelegenheiten, statt dass eine halbe Stunde lang an einer Stelle zu verweilen um auf eine Aufnahme zu warten, die wenigstens an diesem Tag voraussichtlich nicht zustande kommt.
Natürlich gibt es immer ein Abwägen – je nach Situation – wie lange ich an einer Stelle verweile um vielleicht doch ein Bild zu erreichen, das mir schon gedanklich vor Augen ist, aber das geschieht aus einer Intuition heraus, die man bekommt, wenn man viel Erfahrung mitbringt mit vergleichbaren fotografischen Situationen. Für mich beinhaltet das meist auch, dass ich an der fraglichen Stelle bereits ortskundig bin und abschätzen kann, was dort oder in der näheren Umgebung zu diesem Zeitpunkt bei diesem Lichteinfall fotografisch potentiell möglich ist.
Bin ich zufrieden?
Ich mag die Eindrücke, die ich einfangen konnte. Es sind „fliehende Momente“ – Standbilder einer dynamischen Umgebung. Man kann diese Momente nicht zurückholen, aber man kann ein wenig an sie zurückdenken, auch mit dem Hintergedanken, was sich bei einem weiteren Besuch vor Ort an weiteren fotografischen Gelegenheiten bieten könnte.



















