Ich mag es sehr gerne, mir Bilder von Fotografen anzuschauen und zu betrachten, was sie gesehen haben.
Ich mag es auch gerne, mir Künstler aus anderen visuell ausgerichteten Disziplinen anzuschauen. Ein Künstler, mit dem ich mich öfter beschäftigt habe, ist Caspar David Friedrich. Er war ein Maler im 18. und 19. Jahrhundert.
Mit seinen zuweilen durchaus melancholisch wirkenden Bildern trifft er irgendwo einen Nerv bei mir.

Seine Malerei war nicht abstrakt, sondern orientierte sich von den Motiven her an der realen Welt.
Caspar David Friedrich ist vor allem für seine Bilder von Landschaften und Natur, aber auch städtischen Umgebungen bekannt, die jedoch oftmals eine religiöse oder transzendentale Bedeutungs-Dimension aufweisen, die z.B. in einer besonderen Symbolik zum Ausdruck kommt.
Zur Interpretation von Friedrichs Werken gibt es einige Unterschiedliche Auffassungen, es ist aber klar, dass er seine persönlichen Erfahrungen und seinen Glauben in den Bildern verarbeitet hat und, dass sein Stil durchaus in vieler Hinsicht neuartig war. Zur Bewertung und Einordnung seiner Kunst kann ich mich weniger im Detail äußern, da ich hierzu sicherlich die nötige Kompetenz nicht habe.

Malerei hat naturgemäß viele Ähnlichkeiten zur Fotografie, denn der Maler hat am Ende auch ein 2-dimensionales Bild vorzuweisen – das an und für sich keine Tiefe hat. Den Eindruck von Tiefe, wenn er entstehen soll, muss mit den Mitteln geschehen, die man in der Malerei zur Verfügung hat.
Techniken von Caspar David Friedrich
Caspar David Friedrich hat einige ikonische Bilder angefertigt, deren Charakteristik in seinem Werk immer wieder auftaucht.
Eine Auffälligkeit, die Tiefe in seine Bilder bringt, ist der Gebrauch einer Rückenfigur. Damit ist gemeint, dass im Bild eine Figur platziert ist, die gleichermaßen mit dem Betrachter des Bildes ins Bild hineinschaut.

Die Figur lenkt mit ihrer Anwesenheit den Blick ins Bild hinein und dient auch als Identifikationsfigur für den Betrachter. Sie bringt ein menschliches, vertrautes Element, das zudem noch die Funktion hat, dem Zuschauer als Bezugspunkt die Größe und Weite der Landschaft leichter erschließbar zu machen. Diese Idee verfolge ich auch gern in meiner Fotografie. Menschen werden nicht im Sinn eines Portraits abgebildet, sondern als ein Element der Identifikation und als Maßstab.
Der Bildaufbau in Friedrichs Werken wirkt gut geordnet, weil die Bilder im Sinne der Geometrie konstruiert sind z.B. durch Einsatz von Symmetrien, durch Verwendung von geometrischen Formen wie Dreiecken, auch durch Reihungen. Friedrich führt immer wieder mit Hilfe von Linien den Blick ins Gemälde hinein.

Diese Techniken kann ich mir auch als Foto-Enthusiast zur Nutze machen um meine Betrachter in meine Bilder hinein zu führen. D.h. ich muss auch darauf achten, mich so im Raum zu positionieren, dass der Eindruck einer klaren Bildkomposition gegeben ist. Eine klare Bildkomposition macht es dem Betrachter leichter, das Bild zu lesen und hält die Augen aber auch länger im Bild.
Eine weitere Technik Friedrichs um Tiefe zu erzeugen besteht darin, unterschiedliche Bildebenen darzustellen. So überdecken z.B. vordergründige Elemente Teile von hintergründigen Elementen und erleichtern so die visuelle Orientierung in den verschiedenen Bildebenen. Das ist gewissermaßen banal, aber gerade bei Landschaften und städtischen Szenen natürlich entscheidend. Er nutzt auch bekannte Techniken wie die atmosphärische Perspektive, die weiter entfernte Ebenen naturgemäß bläulich-blasser darstellt aufgrund der dazwischen-liegenden Luftmassen.

Bedeutungsoffenheit
Die Bilder von Caspar David Friedrich sind oftmals von einer starken Atmosphäre geprägt, die Teils auch einen mystischen, transzendenten Eindruck vermittelt. Er schafft es in seinen Bildern oftmals eine melancholische (Licht-)Stimmung einzufangen und verarbeitet Themen wie Tod, Leid, Einsamkeit, aber zeigt in seinen Bildern auch Hinweise auf seinen christlichen Glauben an den Schöpfergott und ich denke, dass er die Schönheit der geschaffenen Natur wirklich treffend zum Ausdruck bringt.

Caspar David Friedrichs Bilder wirken auf mich häufig gewollt ambivalent – sie zeigen nicht plumb allein das Schöne und Faszinierende, sie zeigen eine komplexe Welt, wo das Traurige aufgehellt wird durch einen Hoffnungsschimmer und wo andererseits das Schöne verdunkelt wird durch Vergänglichkeit und Leid.
Diese Ambivalenz spiegelt sich ohne Frage in der menschlichen Lebenserfahrung wider. Ich kann gleichzeitig Frust und Dankbarkeit erleben, kann im selben Moment Trauriges und Schönes wahrnehmen und selbst der sonnigste, schönste Tag kann grau wirken, wenn ich durch eine niederdrückende, nebulöse Erfahrung gehe.
Erhabenheit und Staunen
Ein großer Teil des Werks von Friedrich wird aus meiner Sicht überlagert von dem Eindruck von Erhabenheit, der in seinen Bildern entsteht.

Das liegt einerseits sicherlich an den Motiven, z.B. an den weiten, erhabenen, großartigen Landschaften, wie er sie zeigt. So wie ich Friedrich verstehe, stellen seine majestätisch wirkenden Landschaften auch die Erhabenheit und Unerreichbarkeit des Wesens Gottes dar. Auf obigem Bild „Der Watzmann“ bekommt man schon den Eindruck, dass der erhabene Gipfel des Berges ein Symbol für die Größe und Erhabenheit Gottes darstellt.
Ich mag diese Bilder sehr gerne, weil sie mir Bodenständigkeit nahelegen. Wir Menschen brauchen immer wieder den Hinweis, dass wir als Einzelne nicht das Zentrum der Welt darstellen, sondern winzige Geschöpfe sind, verglichen mit der Größe auch nur eines solchen Gebirges mit einem so imposanten Gipfel.
Ich habe als Mensch keinen Grund zur Arroganz, sondern viel Grund mich als abhängiges Geschöpf zu sehen – ich bin nicht autark und nicht autonom. Das anzuerkennen hilft auch dabei die Demut zu haben, dort um Hilfe zu bitten, wo sie nötig ist oder dort Korrektur von außen anzunehmen, wo ich selbst irre.
Was kann ich als Fotografierender von Caspar David Friedrich lernen?
– Bildkomposition ist elementar wichtig und eine wunderbare Möglichkeit, den Bildern Tiefe zu verleihen. Habe ich Linien, die hinein in das und durch das Bild führen? Kann ich z.B. durch vordergründige Objekte weiter hinten liegende Ebenen visuell blockieren und so den Eindruck von Tiefe schaffen? Kann ich z.B. gezielt durch morgendlichen Nebel mit der atmosphärischen Perspektive in meinen Bildern spielen? Unbeabsichtigte Unregelmäßigkeiten in der Bildkomposition lassen Bilder unordentlich wirken.
– Der bewusste Umgang mit dem vorhandenen Licht / der vorhanden Lichtstimmung kann die Bilder besonders erhaben / mystisch / nachdenklich wirken lassen. Zu denken ist auch an regnerisches, trübes Wetter, das effektvoll eingefangen auch seine besondere Licht-Stimmung erzeugt, zusammen mit Reflexionen.
– Menschen als Identifikationsfiguren in den Bildern lassen die Größe eines Bauwerks / einer Landschaft besser erahnen und regen die Vorstellungskraft und das Nachdenken über die Szenerie an
– Welche Motive zeige ich und in welcher Weise? Geeignet scheinen besonders weite Landschaften, Gebirge, das Meer, Brücken, sakrale Bauwerke, allgemein hohe Gebäude (z.B. eine „Skyline“), Friedhöfe…wenn man ähnliche Assoziationen wie Caspar David Friedrich in den eigenen Bildern hervorrufen möchte. Ich denke auch daran, dass künstliche Beleuchtung ein modernes Element sein kann, das Assoziationen zu unserer Zivilisation, dem menschlichen Dasein auslöst (elektrisches Licht in unterschiedlicher Gestalt). Auf solche Bildelemente konnte Friedrich natürlich nicht zurückgreifen
– Die Bildbearbeitung am Rechner ist eine relevante Stellschraube um an Farben, Lichtstimmungen, Helligkeit, Kontrasten zu drehen. Als Maler hat Friedrich natürlich seine Farben gezielt gewählt.
Auch fortgeschrittene Bildbearbeitungstechniken wie Bild-Composing – das Zusammenführen von unterschiedlichen Aufnahmen in ein einziges Bild mag eine künstlerische Möglichkeit sein (manch einer ersetzt „nur“ den Himmel eines Fotos durch einen besser zur gewollten Bild-Aussage passenden…). Ich persönlich vertrete mehr einen dokumentarischen Stil, der womöglich an den Farben, Kontrasten, der Helligkeit von Bildpartien usw. dreht oder das Bild zuschneidet, aber keine Fantasie-Zusammensetzungen aus unterschiedlichen Aufnahmen anstrebt. Im Sinn der Kreativität ist es jedoch durchaus bedenkenswert, auch fortgeschrittene Techniken zur Bildbearbeitung zu nutzen.

Über den Tellerrand schauen
Die Malerei von Caspar David Friedrich ist nur ein Beispiel von vielen. Viele Regeln oder viele Ideen in der Malerei oder in anderen visuell orientierten Künsten greifen in der Fotografie ziemlich gut.
Gestalterisch kreativ zu sein kann so eine wunderbare Sache sein. Warum also nicht immer wieder neue Künstler entdecken, von denen man etwas lernen kann?
Ein letzter Gedanke
Ein Foto ist mit heutiger Technik prinzipiell schnell gemacht. Ein Gemälde braucht wesentlich mehr Zeit, Vorbereitung und Planung. Gebe ich mir selbst auch die Zeit, mich einmal auf ein Foto länger vorzubereiten, es zu planen, das Motiv genau heraus zu suchen und dann mit geeignetem Werkzeug die Aufnahme in Angriff zu nehmen?