Was qualifiziert mich, über eine gewissermaßen philosophische Überlegung zu schreiben, die sich mit meiner Vergänglichkeit und auch der Vergeblichkeit meiner menschlichen Bemühungen beschäftigt?
Meine einzige Qualifikation besteht wohl darin, dass ich als Mensch mir Gedanken über die Sinnhaftigkeit meines Tuns mache und besonders auch über den Umgang mit meiner Zeit.
Was ist Fotografie für mich?
Fotografie ist für mich ein Hobby, eine Beschäftigung, der ich besonders dann nachgehe, wenn keine anderen Verpflichtungen akut zu erfüllen sind. Es ist ein Hobby, das Zeit bedarf, Geld kosten kann und gedankliche Anstrengung erfordert. Und ich frage mich schon, welchen Nutzen es am Ende bringt und ob es nicht ein vergebliches Unterfangen ist, Fotografien anzufertigen, die in dem Sinn oftmals „banale“ und „alltägliche“ Dinge zeigen.

Wäre Fotografie für mich eine Profession, also ein Weg Geld und den Lebensunterhalt zu verdienen, wäre es – wenigstens in meiner naiven Vorstellung – eine logische und folgerichtige Sache dabei Sinn zu empfinden und zu wissen: Das, was ich mache, lohnt sich, denn ich verdiene mir Brot und Unterkunft und versorge dabei ggfs. noch meine Familie und diene meinen Klienten mit meiner Arbeit, die zwar freilich dafür bezahlen, aber eben auch eine Leistung und einen Mehrwert dafür erhalten (ich denke in Wirklichkeit ist das Ganze komplexer…)
Was macht für mich das Hobby Fotografie aus?
Es mag sein, dass es für mich gelegentlich zu Auftrags-Arbeiten kommt, ehrenamtlich oder manchmal mit kleinem Honorar. Aber oftmals fotografiere ich einfach aus eigener Intention, weil ich es gerne mache.
Wenn ich durch mein Bildarchiv schaue, finde ich da tausende Bilder, von Landschaften, Städten, Menschen, Tieren, Gegenständen, Events. Ich habe bevorzugte Motive, aber bin aus meiner Sicht nicht extrem auf eine bestimmte Nische von Fotografien fixiert.

Ich liebe es wirklich zu fotografieren, ich liebe den Prozess des Bilder-Machens, kreative Entscheidungen zu treffen um Licht effektvoll einzufangen und besondere Momente festzuhalten. Es gibt zahlreiche Menschen, die darin wesentlich versierter und geschickter sind als ich – ich bin und bleibe ein Lernender, was das Fotografieren angeht.
Ich habe mehr als 20 Jahre meines Lebens in Bildern dokumentiert. Ich habe natürlich nicht nur mein Leben dokumentiert, sondern auch die Leben mancher Menschen um mich herum.
Wofür fotografiere ich?
Manchmal schaut man sich die Bilder an und denkt: Wofür oder für wen mache ich das eigentlich?

Was motiviert mich denn, eine Kamera in die Hand zu nehmen und Bilder zu machen?
Eine Motivation ist – nicht nur oberflächlich betrachtet – ehrlicherweise der eigene „Ruhm“. Man wünscht sich doch Anerkennung und man freut sich, wenn das eigene Werk Anklang findet.
Ich finde aber gerade in einigen Fotografie-Genres ist man sehr abhängig von den Gegebenheiten, anders als in der Malerei oder beim Töpfern, wo der Künstler seine kreative Ideen freier umsetzen kann. Als Maler kann ich mein Motiv quasi auf der Leinwand „erfinden“. In der Fotografie lichte ich reale Dinge als Motiv ab. Ich erschaffe Abbilder auf einem Bildsensor oder auf Film, indem ich durch ein Objektiv Licht aus der Umgebung einfange.
Ich wähle meine Position in der Welt, wähle meinen Bildausschnitt, wähle den Zeitpunkt meiner Aufnahme. Und es geht darum, wie ich das, was vor meinen Augen zu sehen ist, in Szene setze. Und wenn mein Motiv z.B. mit einer herausragenden Schönheit glänzt, kann ich mir diese Schönheit ja nicht selbst anrechnen – die lag schon im Motiv, ich hab sie nur entdeckt und in einem Maß sichtbar gemacht. Ein Teil der Schönheit ist dem Handwerk und ein anderer wesentlicher Teil dem „Ausgangsmaterial“ zu verdanken.

Bilder als Darstellung von Schönheit
Mich zieht oftmals die Schönheit in meinem Motiven an. Ich genieße genau das auch an Bildern von anderen, die ich bestaunen darf, dass sie einfach die Schönheit der geschaffenen Welt zeigen. Licht, Farben, unterschiedliche Beschaffenheit von unterschiedlichen Oberflächen und Strukturen. All das reizt mich, es irgendwie festzuhalten.

Aus meiner Sicht kann Fotografie ein Weg sein, mich und andere zum Staunen zu bringen. Sie kann die Wunder in den kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen sichtbar machen. Seien es nur eine „Pusteblume“ oder ein Spinnennetz, an dem man sonst achtlos vorbeigeht, die im Detail fantastische Strukturen aufweisen, die sich ferner mit verschiedenen Aufnahme-Techniken und Nachbearbeitungs-Techniken auch kreativ verfremden lassen.
Bilder als Erinnerung an bedeutsame oder bemerkenswerte Momente
Genauso und oftmals über die rein ästhetische Schönheit hinaus schätze ich es, bedeutsame Momente festzuhalten, Erinnerungen an besondere fliehende Momente zu schaffen. Ich finde es herrlich, wenn beides zusammenkommt: Die Bedeutsamkeit des Moments und eine ästhetisch ansprechende, geordnete Darstellung.

Das können Momente der Freude sein, seien es wirklich bedeutende Momente wie die ersten Minuten nach einer Geburt oder die Erinnerung an eine Beerdigung, Hochzeiten, Taufen, aber auch besondere Freizeitaktivitäten oder Urlaube. Auch das Arbeiten kann fotografierenswert sein.
Es ist zudem für mich wahnsinnig wertvoll, Momente mit vertrauten Menschen festzuhalten. Nicht wie die künstliche Intelligenz sich diese Momente anhand ihrer Datenbank vorstellen würde, sondern so wie sie wirklich waren, mit allen Macken, schiefer Frisur oder auch aus heutiger Sicht seltsamer Kleidung.
Es kann im Sinne des Erinnerns auch gut sein, immer wieder Bilder von sich selbst zu machen. Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Ich fotografiere mich selbst nur äußerst selten. Es kann daher wertvoll sein, andere zu bitten, Bilder von mir zu machen.

Was reizt mich an urbanen Motiven?
Mein persönliches Steckenpferd sind Bilder von städtischen Umgebungen mit den zugehörigen Menschen (und ihren Fahrzeugen), die in den Städten sind und leben.

Das liegt auch an der fantastischen Zugänglichkeit der Örtlichkeiten und einer Vielzahl an möglichen Motiven und dem dynamischen Geschehen an belebten Orten. In urbanen Umgebungen zu fotografieren ist für mich besonders reizvoll, wegen der Architektur, die ja bei entsprechender Beschaffenheit durchaus in der Lage ist, Generationen von Menschen zu überleben. Mich reizt es aber auch wegen der Menschen, die sich in der städtischen Umgebung bewegen und ein Gefühl für die Größen-Dimensionen der Bauwerke geben.

Auf eine Art stellt Fotografie für mich eine Möglichkeit dar, mich mit meiner persönlichen Vergangenheit, mit meinem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Ich besuche gerne Orte, an denen ich früher gelebt habe, schaue, wie sie sich verändert haben, z.B. auch meine alte Schule, an der ich Jahre verbracht habe und denke darüber nach wie alles war. Es verändern sich Dinge baulich, es verändern sich die Menschen, die man antrifft.
Es bleibt ein Aspekt der Vergeblichkeit
Die Fotografie hat neben aller Bedeutung, die sie für mich haben mag, aber auch einen Aspekt der Vergeblichkeit an sich.

Denn es kommt ein Tag, an dem meine Bilder nicht mehr sein werden. Die Werke vieler Künstler haben den Tod ihres Erschaffers weit überlebt und sind noch heute zu bestaunen, auch wenn es den Künstler schon lange nicht mehr gibt.
Aber meine Fotografien werden, wie alle Dinge in dieser Welt, einmal nicht mehr da sein. Die Redewendung „hier hat sich jemand verewigt“, weil er in der Schul-Toilette mit einem Edding-Stift zwei Namen an die Wand gekritzelt hat, ist natürlich eine ironische Formulierung. Auch „das Internet“ wird seine Inhalte nicht für immer konservieren, wenngleich sich Manches dort in digitaler Form lange Zeit über bewahren lässt.
Vielleicht werden meine Bilder mich überleben. Vielleicht nicht. Fotografie ist – wie das ganze Leben in dieser Welt – der Vergänglichkeit unterworfen.

Fotografie selbst kann mir nicht meinen Lebenssinn geben, denn sie ist genauso vergänglich und genauso zeitlichen Begrenzungen unterworfen wie ich selbst. Ich bin der Meinung, dass Religion und die Frage nach einem Gott und Fragen nach dem Wozu, auch angesichts meiner eigenen Vergänglichkeit absolut relevant sind und sich auch darauf auswirken, wie ich dieses Hobby verstehe und was es für mich bedeutet. Was ich über den Tod und meine Vergänglichkeit denke, und welche Hoffnung ich angesichts meines irgendwann erwartbaren Lebensendes habe, hat ganz praktische Auswirkungen auf mein Leben jetzt.
Fotografie als ein Zugang zur Welt
Für mich ist Fotografie – wie schon beschrieben – ein Zugang, mich mit der Welt, mit dem Leben zu beschäftigen, über meine Vergangenheit und mein Sein nachzudenken. (Zu mir gehört selbstverständlich aber genauso der Austausch mit anderen Menschen in Form von persönlichen Begegnungen und Gesprächen, das Lesen von Büchern, das Hören von wertvollen Podcasts, das Beschäftigen mit meinem Glauben an Gott, das Verbringen von Zeit in der Natur / an der frischen Luft usw.)

Mir ist bewusst, dass viele Menschen in unserer Kultur die Sinn-Frage ein Stück weit unberücksichtigt lassen, es scheint manchmal der Platz dafür nicht da zu sein und Dinge, die aus meiner Sicht eher unwichtig sind, werden überhöht, sind fast religiös aufgeladen wie beispielsweise Sport-Groß-Events, zu denen dann viele pilgern, wenn möglich, während viele Kirchen in unserem Land leer bleiben – was sicher vielfältige Gründe hat – ich empfinde es in unserer Gesellschaft auch so, dass die Tatsache unserer eigenen Sterblichkeit / Vergänglichkeit angesichts von vielen Ablenkungen und Unterhaltungsmöglichkeiten irgendwo an den Rand gedrängt wird.
Fotografie als Genuss
Ein Aspekt, den ich in dem Sinn noch nicht so klar benannt habe, ist, dass für mich Fotografie auch Genuss ist. Das Fotografieren, das Bearbeiten und spätere Betrachten der Ergebnisse ist bei Weitem nicht das Wichtigste in dieser Welt. In einem Sinn ist es ein Privileg und schlicht Luxus. Andere Menschen kämpfen nur ums blanke Überleben.
Fotografie ist für mich ein schöner Weg, einen kurzen Augenblick im Nachhinein noch einmal nachzuvollziehen und wertzuschätzen. Ich sehe es als Privileg, mich an schöne Zeiten erinnern zu dürfen und als Anlass, dankbar zu sein.

Johann Sebastian Bachs Soli Deo Gloria
Ein Künstler, dessen Einstellung mir imponiert, ist Johann Sebastian Bach. Bekanntermaßen war er kein Fotograf. Er schrieb unter seine Musikstücke die Phrase: „Soli Deo Gloria“.
So wie ich es verstehe tat er das auch aus einer Sicht, die ein starkes Bewusstsein dafür hatte, dass ihm sein Leben und seine Begabungen und Fähigkeiten von Gott geschenkt sind. Er konnte sich nichts auf seine musikalische Kunst einbilden, die sicherlich herausragend war.
Er brachte mit dem oben zitierten Satz zum Ausdruck: „Aller Ruhm gebührt Gott“.

Ich komme nicht darum herum, mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass ich mit meinen Fotografien keine Momente an sich „festhalten“ kann.
Ich schaffe mit den Fotos nur visuell greifbare Erinnerungen an diese fliehende Momente. Wie schon beschrieben kann sagen, der Wert dieser Erinnerungen mag auch darin bestehen, dass sie die Schönheit und das Wunder unserer Welt zum Ausdruck bringen.
Ich würde auch dahingehend argumentieren, dass sie die Schönheit, Weisheit und ewige Macht des Gottes aufzeigen können, der meinem Verständnis nach die Welt ins Leben gerufen hat.

Natürlich gibt es nicht zu wenige Bilder, die menschen-gemachtes Leid, Zerstörung oder Natur-Katastrophen zeigen und auch offenbaren, wie verdreht und traurig vieles ist.
Auch Johann Sebastian Bach erlebte viel Leid (z.B. in dem sehr frühen Verlust mehrerer Kinder). Das hielt ihn dennoch nicht davon ab, seine Hoffnung trotz aller Widrigkeiten, die ihm in seinem Leben begegneten, auf seinen Gott zu setzen und seinem Gott Dank zu zollen.
In Fotografien findet sich das eigene Weltbild wieder
Ich würde es zudem so ausdrücken: Das, was ich tue oder wie ich mich verhalte, sollte für mich zu dem passen, wie mein Weltbild gestaltet ist. Mein Weltbild verbietet mir z.B. Menschen in respektloser oder würdeloser Weise darzustellen.

Ein Aspekt meiner Fotografie besteht sicherlich auch darin, das zum Ausdruck zu bringen, was ich glaube und wie ich über Sachen denke und was ich als gut empfinde. Selbst Bilder, die Trauriges oder aus meiner Sicht Abwegiges zeigen, können – durch eine bestimmte Bildsprache (z.B. durch blasse Farben) meine Trauer oder Irritation zum Ausdruck bringen und zeigen: „Das, was da geschieht, ist nicht gut und es ist bedauernswert“ oder „das kommt mir ziemlich seltsam oder falsch vor und ruft Unbehagen in mir hervor“. In einer Notlage eines anderen Menschen kann das Fotografieren auch einfach unangebracht sein.
Ich schließe auch manches Genre für mich aus. Pornografische Darstellungen z.B. finde ich aus meiner persönlichen moralischen Sicht problematisch – andere mögen das fraglos anders sehen – was ich verstehen kann – menschliche Körper können sehr anziehend wirken und schön sein und ich kann die Faszination daran fraglos verstehen. Meine Werte – z.B. Monogamie – führen mich aus meiner Sicht in Konsequenz dann dahin, bewusst Grenzen bei meinen möglichen Motiven in bestimmten Kontexten zu ziehen, die andere in vergleichbarer Weise nicht ziehen würden.
Fotografie als Weg, kreativ zu sein
Irgendwie ist es so banal und offensichtlich, das man fast meint, es nicht erwähnen zu brauchen, aber Fotografie ist bei mir, ebenso wie das (von mir vernachlässigte) Zeichnen/Malen oder das Schreiben ein Weg, schöpferisch tätig zu sein. Auch hier kann man sagen, dass mein Weltbild zum Tragen kommt.
Ich glaube, dass ich ein Geschöpf bin, das nicht einen wilden Zufall entsprungen ist, sondern denke, dass wir Menschen von einem Schöpfer-Gott, sozusagen von einem unheimlich kreativen Designer konstruiert und gestaltet wurden und dass wir als Geschöpfe auch die Kreativität unseres Schöpfers widerspiegeln, indem wir selbst wieder Dinge erschaffen. Natürlich nicht auf demselben Niveau aber in derselben Art.
Am Anfang steht ein Gedanke und der nimmt im besten Fall immer mehr Form an bis dann ein vollendetes (Kunst-)Werk steht. Ich empfinde das als einen sehr schönen Bezug, dass z.B. unsere Sprache und unser handwerkliches Schaffen auch da eine ganz tiefe und sinnhafte Verankerung und Grundlage finden.
Fotografie als Spiegel von mir selbst
Zusammenfassend kann man sagen, dass meine Fotografie mich und meine individuellen Wahrnehmungen, Gedanken, Empfindungen, Motivationen und Vorstellungen widerspiegelt. Meine Bilder sind gewissermaßen auch für Außenstehende ein Weg in meinen Kopf hinein. Die Betrachter meiner Bilder können zu einem Grad sehen, was mir aufgefallen ist – sie bringen fraglos gleichzeitig ihre eigenen Assoziationen mit. Manchmal sind diese ähnlich, manchmal wirkt ein Bild auf einen anderen Menschen ganz anders als von mir erwartet.

Was meine Fotografie eher nicht ist
Meine eigenen Bilder sehe ich meist unter dem Stichwort „Dokumentation“, weniger unter dem Stichwort „freie kreative Gestaltung“ oder „freie künstlerische Inszenierung“. Es gibt Fotografie-Künstler, die wie ein Film-Regisseur ganze Fotografie-Sets entwerfen und anordnen mithilfe von zahllosen Modells und anderen Gegenständen.
Ja, es mag auch bei mir einzelne Motive und Situationen geben, die ich selbst im Voraus anordne und arrangiere. In manchem Kontext macht das Sinn und im kommerziellen Zusammenhang ist das oft ein selbstverständlicher Teil kreativen fotografischen Schaffens.

Diese Bilder reizen mich jedoch persönlich weniger, weil mein Fokus auf dem Einfangen von Begebenheiten und Situationen liegt – im Sinne eines Beobachters, nicht im Sinne eines Regie-Führenden. Aber ich verstehe, dass Fotografie in den Händen anderer so viel mehr sein kann als meine spezifische Handhabung von ihr.