Ich gebe bei meinen Bildern normalerweise nicht die technischen Parameter meiner Aufnahmen an. Damit meine ich Angaben wie die Einstellung meiner Blende (wie viel Licht kommt in die Kamera?), die verwendete Belichtungszeit (wie lange ist der Bildsensor dem Licht ausgesetzt?) oder die Stärke der Bildsensor-Empfindlichkeit (auch ISO-Einstellung genannt – wie viel wird das aufgenommene Bildsignal „verstärkt“?).
Es ist schön, dass die Kamera diese (und andere) Daten in meinen digitalen Bilddateien hinterlegt. Ich kann sie im Nachhinein auch ganz gut interpretieren und daraus lernen, wenn meine Aufnahme zu lang belichtet war oder, wenn die Blende ungünstig gewählt war.

Aber der Betrachter eines meiner Bilder wird in den aller meisten Fällen wenig mit diesen Daten anfangen können.
Denn sie stellen nur einen winzigen Teil der Parameter da, die in einer jeden Aufnahme zusammen kommen.
Analoge Kameras haben diese Daten ohnehin nicht erfasst.
Datenaufzeichnung ist begrenzt und vieles ist nicht messbar
Aus meiner Sicht wird häufig überschätzt, was Daten aussagen können und was nicht. Es werden ja nur ein paar wenige Daten aufgezeichnet. Aber es fließt z.B. ganz entscheidend in ein Bild mit ein, wie das vorhandene Licht vor Ort genau beschaffen ist (z.B. eher „weich“ oder eher „hart“, zu welcher Tageszeit, bewölkt oder freier Himmel usw.).

Einfluss nimmt auch, wie ich die Kamera gehalten habe, ob ich ruhige oder zittrige Hände hatte, ob ich die Kamera geschwenkt habe, ob ein starker Wind wehte, ob das Objektiv und die Kamera technisch sauber funktioniert haben oder ob ein Filter oder eine Streulichtblende auf dem Objektiv montiert war oder nicht. Es sind so unendlich viele Variablen.
Am Ende findet das Leben und die Fotografie meist nicht unter Laborbedingungen statt.
Die Kamera-Einstellungen, die ich verwendet habe, bilden also nur einen winzigen Teil der „Zutaten“ eines Bildes ab. Auch wie meine Interaktion mit einem fotografierten Menschen stattgefunden hat, ist eine Geschichte, die ich erzählen kann, sich aber nicht in den sogenannten Meta-Daten des Bildes findet.
Die Datenblätter der Kamera-Hersteller sind zuweilen zwar „daten-reich“, aber wenig aussagekräftig für den Alltags-Gebrauch
Genauso kann man sagen: Die Datenblätter der Hersteller von Kameras und zugehörigen Objektiven sagen am Ende wenig aus. Meist sind die technischen Parameter beschrieben (wie Megapixel des Bildsensors, mögliche Videoauflösungen, Serienbildgeschwindigkeit…), zudem werden die Dimensionen und das Gewicht genannt.

Wie ergonomisch eine Kamera in der Hand zu halten ist oder wie flüssig die Bedienung erfolgen kann oder wie gut das Display funktioniert (abgesehen von seiner Auflösung) oder wie robust dessen Glas ist, findet man oft eher nicht beschrieben. Natürlich ist eine Bewertung hier auch stark einer subjektiven Einschätzung unterworfen.
Teilweise werden bestimmte Verbesserungen mit Hilfe von Schlagworten beworben und hervorgehoben.
Ein Hersteller wirbt für den verbauten Kameraprozessor mit der Formulierung „für bis zu 8fache Verarbeitungsgeschwindigkeit“ (verglichen mit einem Vorgänger des Prozessors). Das ist eben Marketing und daraus lässt sich sicherlich eine Verbesserung ablesen, aber wie stark die unter welchen Bedingungen ausfällt, wird (sicher auch aus Gründen der Praktikabilität) vage formuliert.

Auch Angaben von soundsoviel im Bild-Sensor „verbauten“ Autofokus-Punkten sind kaum aussagekräftig. Es kommt darauf an, wie die Kamera und ihr Prozessor damit umgehen. Die Canon EOS RP Kamera hat eine Weile nach ihrem Erscheinen nach einigen Softwareupdates eine stark aufgebesserte Autofokus-Funktion nachgereicht bekommen und wurde so nachträglich deutlich aufgewertet, obwohl die Hardware der verbauten Autofokus-Sensoren und des Kameraprozessors unverändert blieb. Ich sage nicht, dass die Canon EOS RP dadurch in eine Sport-Kamera verwandelt wurde, beileibe nicht, aber Bilder von Kindern in Bewegung kann man damit durchaus einfangen. Ich habe auch Vögel bei einer Falkner-Show damit aufgenommen.
Manche Kameras haben Macken, die in keinem Datenblatt stehen; eine Sony Alpha 6000 Kamera verweigert bei Serien-Aufnahmen jegliche Veränderungen der Kamera-Einstellungen solange bis alle Bilder aus dem Pufferspeicher der Kamera auf die Speicherkarte geschrieben worden sind (u.U. ein ziemlich langsamer Vorgang), was extrem störend ist, wenn man ein Event fotografiert und agil Einstellungen ändern können sollte. So wird zwar die hohe Serien-Bild-Geschwindigkeit priorisiert (ca 10 Bilder pro Sekunde), aber die Bedienbarkeit leidet bei meiner Arbeitsweise sichtlich.

Ebenso störend kann der sogenannte „Shutter-Shock“ sein, gemeint ist eine Vibration durch den mechanischen Verschluss einer Kamera, die sich auch bei Belichtungszeiten bemerkbar machen kann, die eigentlich unbedenklich wären und Bilder verschwommen sein lässt, die sonst völlig in Ordnung wären. Bei der Lumix GX7 gibt es einen mechanischen Verschluss, bei welchem ich z.B. bei einer Belichtungszeit von 1/160 Sekunde wiederholt vergleichsweise verschwommene Bilder bekam, während der ebenfalls nutzbare elektronische Verschluss solches Verhalten nicht zeigte. Es gibt einige Kamera-Modelle mit einem solchen Problem.
Wie eine Kamera sich verhält und was sie kann, merkt man erst, wenn man mit ihr in unterschiedlichen Situationen arbeitet.
Übers Internet zu einem Kauf beraten lassen?
Wenn ich mich über das Internet zu einem Kauf beraten lasse, dann lohnt es sich vermutlich nicht so sehr nach der Meinung von „Influencern“ Ausschau zu halten, die das Gerät nur 1 Woche zum Testen hatten.
Für mich ist die Glaubwürdigkeit und die Sinnhaftigkeit der Testkriterien des Rezensenten ein wichtiges Kriterium. Wenn ich Reisefotografie betreibe, lasse ich mich nicht von einen „Wildtier-Fotografen“ beraten.
Gut sind erfahrungsgemäß oft sogenannte Langzeit-Reviews (auch „longterm review“ genannt). Ich lese / oder schaue gern auch Rezensenten aus dem englischsprachigen Raum. Bewährt haben sich für Reisefotografie z.B. Robin Wong (Schwerpunkt sind Micro Four Thirds-Kameras, Streetphotography, Reise..) oder Emily Lowrey (bekannt als „Micro Four Nerds“, z.B. Reise, Alltagsfotografie) oder für Canon-Ausrüstung James Reader (Reise, Portraits…). Ich schaue auch gern den Kanal von Mike Chudley (Leica-Enthusiast, „Streephotography“) oder von Walter Lyle (Fuji Enthusiast, Events und Familienfotografie), auch wenn ich selbst Canon oder Panasonic / Olympus nutze. Was mich an allen gleichermaßen begeistert ist, dass sie ihre Kameras in die wirkliche Welt nehmen und gebrauchen. Es geht nicht um technische Daten, um Auflösung oder um eine kontrollierte Testumgebung, sondern um tiefe Freude an der Fotografie in realen Umgebungen mit realen Menschen und Tieren und was mit der heutigen und auch älterer Technik fotografisch möglich ist.
Für mich zählen echte Erfahrungen von echten Fotografen in der echten Welt.
Warum hangelt man sich trotzdem an Zahlen lang?
Zahlen, Statistiken, messbare Ergebnisse sind reizvoll, weil man damit wenigstens einen bestimmten Aspekt erfassen kann und so der Eindruck entsteht, dass die Entstehung eines Fotos beherrschbar, verständlich und nachvollziehbar ist. Man kann sagen: Stelle deine Kamera so und so ein und du wirst die und die Ergebnisse haben.

In einer Hinsicht stimmt das. Besonders unter kontrollierten Bedingungen (wie z.B. in einem Fotostudio) kann man sich gezielt auf die Kamera-Einstellungen konzentrieren und die konkreten Auswirkungen beobachten. Dazu sind Vorschläge von erfahrenen Fotografen für die Einstellungen ganz hilfreich, wenn man z.B. zum ersten Mal gezielt mit künstlichem Licht arbeitet. Das ist dann wie Arbeiten anhand eines Koch-Rezeptes.
Aber mir helfen im Allgemeinen nicht allein grobe „kochrezeptartige“ Regeln im ersten Schritt, sondern ein grundsätzliches Verständnis, wie die Aufnahme eines Fotos mit Blende, Belichtungszeit und Film- oder Bildsensor-Empfindlichkeit und weiteren Einstellungen „funktioniert“, was mich sehen lässt, wo konkret es Korrektur braucht, wenn ich merke, dass mein Bild technisch gesehen nicht funktioniert.
Beim Fotografieren nicht zu sehr auf Einstellungen konzentrieren, sondern auf das eigentliche Bild
Fotografieren ist oft wie Auto- oder Fahrradfahren.
Wenn man es einmal gelernt hat, und man vor allem regelmäßig Fahrpraxis hat, dann weiß man recht intuitiv wie es geht. Wenn die äußeren Bedingungen sich ändern muss ich mein Verhalten dynamisch anpassen; das kann bedeuten im richtigen Moment zu bremsen oder den Gang zu wechseln oder im richtigen Winkel einzulenken und etwas vom Gas zu gehen um da hin zu kommen, wohin ich will.

Es hilft mir dann, wie oben angedeutet, auch die theoretischen physikalischen Kenntnisse zum Fahren und die Verkehrsregeln im Hinterkopf haben, aber das Meiste läuft doch intuitiv, wenn man die gleichen Abläufe immer und immer wieder eingeübt hat.
Wenn jemand seine ersten Schritte mit einer Kamera macht, kann der Automatik-Modus daher sehr wertvoll sein. Damit lassen sich durchschnittliche Situationen gut fotografieren und man kann sich aufs Aufnehmen des eigentlichen Bildes konzentrieren (was kommt aufs Bild und was nicht und wann drücke ich auf den Auslöser? Das ist oft schon schwer genug zu entscheiden).
An meiner Kamera nutze ich für meine Arbeitsweise gern die Halbautomatiken, meistens die Blendenvorwahl (Zeitautomatik) oder manchmal die Zeitvorwahl (Blendenautomatik) und drehe gegebebenfalls, wenn ich das Bild heller oder dunkler haben möchte, am Belichtungssregler. Damit sind ganz viele Situationen zu lösen – ohne mich zu sehr um die Einstellungen zu drehen.
Kameras mit Dreh-Rädchen zum Einstellen sind da eine ziemlich gute Sache. Ich drehe den Wert, den ich verändern will, rauf und runter – so wie ich es brauche.

Ja, ich kann meine Kamera auch ganz manuell einstellen, wenn nötig. Aber für meine Fotografie macht das oft wenig Sinn und ich bin froh um die Automatiken, die mir in stetig wechselnden Licht-Bedingungen unter die Arme greifen, damit ich Luft für die eigentliche Bildgestaltung habe.
Die Kamera für ein bequemes Arbeiten einrichten
Ich bin der Meinung, dass ich mir meine eigene Kamera für meine Arbeitsweise möglichst bequem einrichten sollte, also entweder mir genug Zeit vor einer Aufnahme fürs Einstellen der Kamera einplane oder ich verwende einen der geeigneten Szene- oder Automatik-Modi, damit ich nicht ausgebremst werde.
Zu viele Einstellungen während des Fotografierens vorzunehmen bremst mich aus und hält mich davon ab, mich aufs eigentliche Bild und die eigentliche Bildgestaltung zu konzentrieren.
Wenn ich also merke, dass ich für Fotos vermehrt zum Smartphone greife (das ja hoch automatisiertes Arbeiten möglich macht), kann es genau daran liegen, dass mich in meiner Kamera zu viele Dinge ausbremsen. Vielleicht merke ich meine Kamera ist mir zu groß und zu sperrig. Dann mag ein kleineres Gehäuse mit einem kleineren Objektiv eine Hilfe sein und mir das Fotografieren zugänglicher machen (aber: mögliche Einarbeitungszeit berücksichtigen, genauso kann ein zu kleines Gehäuse unhandlich sein…).

Es kann auch helfen, mir im Vorfeld klar zu werden wie ich die Einstellungen zwar sinnvoll zu steuern kann, aber gleichzeitig unkompliziert halte.
Einstellungen sind sehr individuell und können nur begrenzt verallgemeinert werden
Ich kann nicht sagen, welche Einstellungen in welcher Situation für einen anderen funktionieren. Das kommt, wie gesagt, stark auf das eigene fotografische Vorhaben an.
Im Lauf der Zeit habe ich manchen Tipp gehört, der einfach nicht zu meiner Arbeitsweise gepasst hat, aber sicher für andere super geeignet ist.
Ich könnte anders herum auch umfassend erklären, wie ich an welcher Kamera den Autofokus einsetze. Je nach Kamera und deren Funktionsweise und je nach Situation muss oder kann ich meine Vorgehensweise anpassen. Man kann auch mit einem „veralteten“ Kontrast-Autofokus wie eine alte Panasonic-Kamera (z.B. die Lumix GF3) ihn bietet, in vielen Situationen gut zurechtkommen. Auch eine „uralte“ Canon 5D aus dem Jahr 2005 kann man so einzusetzen lernen, dass gut fokussierte Bilder entstehen. Ich brauche zu aller meist keine moderne Sony Alpha 9 mit automatischer Motiv-Erkennung und Autofokus-Nachführung um gute Bilder zu machen.

Die Kunst ist es zu verstehen, wie meine Kamera, die ich konkret benutze, funktioniert und wie ich sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten einsetze. Ich muss mir dazu Zeit nehmen, die Kamera zu entdecken, sie zu verstehen und mit ihr arbeiten zu lernen. Jede Kamera hat bei aller grundsätzlichen Ähnlichkeit zu anderen Kameras ihre eigenen Feinheiten, ihre eigenen Möglichkeiten und ihre eigenen Begrenzungen. Einiges an Einstellungen lässt sich sinngemäß auf ein anderes Kamera-Modell übertragen. Anderes nicht.
Ich kann es nicht umgehen, mich in mein fotografisches Werkzeug einzuarbeiten, bevor es für mich gut funktioniert. Das ist völlig banal. Man liest manchmal, dieses oder jenes Modell, habe einen „schrottigen“ Autofokus. Manchmal mag es sein, dass der auch wirklich „lahm“ oder fehleranfällig ist. Oft genug kann es aber auch einfach sein, dass man sich zu wenig mit der Funktionsweise und den Einstellungen beschäftigt hat und nicht bereit ist, in den vorgegebenen Grenzen zu arbeiten. Eine Option ist es, sich die Eigenheiten der Ausrüstung zu eigen zu machen und damit zu leben und die technischen Begrenzungen „einzuplanen“ und zu akzeptieren. Eine andere Option ist, sich nach anderer, hoffentlich passenderer Ausrüstung umzuschauen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ich mir das Verständnis für meine Einstellungen und was sie bezwecken, selbst erarbeiten muss (auch mit Hilfe von Kursen, Mentoren, Tutorials, Büchern…). Es zählt meine persönliche Erfahrung und mein persönliches Kennenlernen meiner Ausrüstung. Was Einstellungen und Datenblätter einer Kamera in die Praxis übersetzt wirklich bedeuten, findet man nur heraus, wenn man seine Ausrüstung wirklich einsetzt und an ihr direkt und praktisch lernt.
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