Canon bietet inzwischen für sein spiegelloses RF-System eine Anzahl unterschiedlicher Kameras an. Grob muss man dabei zwei Linien unterscheiden. Und zwar gibt es erstens die Linie der Vollformat-Kameras (beginnend mit der Canon EOS R, der RP, der R1, der R3, R5,R6, R8…). Diese haben den „großen“ Sensor.

In zweiter Linie gibt es APS-C-Kameras, die einen sichtbar kleineren Sensor verbaut haben, wie die R7 (die „professionell“ ausgestattete Variante), dann aber auch die R10, die R50 (V) und zuletzt die am schwächsten ausgestattete Kamera, die R100.
Was fehlt denn der Canon R100?
Kurz gesagt: Canon hat bei der R100 merkbar die Ausstattung gekürzt. Man kann sagen, verglichen mit den besser ausgestatteten Modellen – FEHLEN ihr bezogen auf Fotografie folgende Dinge:
-Verschiedene Knöpfe, Drehräder und Bedienelemente (wie z.B. der Joystick für den Fokus der R7 und R10)

-ein Touch-Display
-ein schwenkbares Display
-Neuste komplexe Autofokus-Einstellungmöglichkeiten (die Einstellmöglichkeiten allgemein sind sichtbar schwächer als bei der R10 und R50)

-Hohe Serienbildgeschwindigkeit
-sensorbasierte Bildstabilisierung
-ergonomische Baumweise (die R100 liegt nicht so satt in der Hand wie eine R7 oder R10 und hat mehr Kompromisse in der Bedienung aufzuweisen)
-die „neuste“ Sensortechnik (die R10 und R50 sollen einen etwas „besseren“ Sensor besitzen, die R7 hat die neuste Technologie)
-einen großen elektronischen Sucher (die R100 hat einen Sucher verbaut, der ist aber eher klein, das trifft Beispielsweise aber genauso auf die R50 zu, die Video-orientierte R50 V hat gar keinen Sucher verbaut)

Diese „Mängel-Liste“ ist bestimmt nicht vollständig. Aber sie zeigt, welche Erwartungen viele enthusiastische Fotografen an eine moderne Kamera haben. Diese Trends ändern sich teils auch, z.B. galten Schwenkbare Displays und auch Touch-Displays in Kameras einst als Features für die Einsteigerklasse, aus Gründen der Robustheit und der Bedienbarkeit – so war die Argumentation – brauchte es derartigen Firlefanz nicht in einem „Profigehäuse“. Die Canon 5D Mark IV, einer jener „Profi-Bodies“, hatte beispielsweise zwar schon ein Touch-Display, jedoch war es fest verbaut und konnte nicht geschwenkt werden. Die Technik der Schwenk-Displays verbaute Canon aber schon seit vielen Jahren in seiner kompakten Powershot G-Modellen oder in Modellen wie der Canon 60D, 600D und deren Nachfolgern, die im Amateur-Bereich verortet waren. Natürlich kommt der Trend mit den Schwenk-Displays daher, dass viele Nutzer mehr filmen, u.a. auch sich selbst.
Die R100 spricht nicht unbedingt Fotografie-Enthusiasten an
Die Zielgruppe für die R100 sind schwerpunktmäßig frische Fotografie-Interessierte, die erst einmal nicht viel Geld ausgeben wollen. Die Kamera bietet gewissermaßen im Gewand einer spiegellosen Kamera das, was früher digitale Einsteiger-Spiegelreflexkameras geboten haben.

Es gab lange Zeit in diesen Kameras hauptsächlich fest verbaute Displays, die über keine Touch-Funktion verfügten. So war es viele Jahre. Die absoluten Einsteiger-Kameras verfügten manchmal nur über 3 Autofokus-Punkte. Sie konnten nur wenige Bilder in einer Sekunde aufnehmen und Bilder konnte man nur durch einen optischen Sucher machen. Man sah keine Vorschau der Belichtung, man hatte nur ein kleines Fenster, das über einen Spiegel einen Blick durchs Objektiv freigab. Und dieses Fenster war bei manchen Modellen nicht sehr groß. Ich sage nicht, dass das Fotografieren mit optischen Sucher schlecht war. Aber es ist in mancher Hinsicht weniger bequem.

Mit einem optischen Sucher zu arbeiten, ist eine andere Erfahrung als einen digitalen Sucher zu nutzen. Es gibt Menschen, die bezahlen viel Geld für ein spiegelloses System mit einem optischen Sucher von einem deutschen Hersteller.

Aber besonders diese Einsteiger-DSLRs hatten, was z.B. den Autofokus, aber auch den integrierten Belichtungsmesser angeht, nicht die technische Finesse, die man heute in einer R100 selbstverständlich auffindet, weil in einer spiegellosen Kamera der Bildsensor für Autofokus und Belichtung ausgelesen wird, bei einer Spiegelreflexkamera erfolgte die Messung für beides indirekt.

Wie sind die fehlenden Funktionen zu bewerten?
Technisch gesehen hat die Canon R100 – auf die Fotografie bezogen – keine signifikanten Mängel. Es ist eine vollständige Kamera, die in den richtigen Händen eine Menge unterschiedlicher Motive einfangen kann. Darunter auch Vögel im Flug, wenn man weiß, was man tut. Natürlich gibt es leistungsstärkere Modelle, mit denen es im vieler Hinsicht besser und leichter geht. (Da denke ich besonders an die Profi-Modelle, die ein präzises und effizientes Arbeiten erlauben)
Aber – verglichen mit den digitalen Kameras, mit denen meine Fotografie-Reise begann, handelt es sich bei der R100 um eine Traumkamera – zumindest für mich persönlich – die kompakte Ausmaße hat, leicht ist und technisch alles hervorragend kann, was man für alltägliche Aufnahmen benötigt.



Touch-Displays und Schwenk-Displays sind meines Erachtens für Fotografie-Anwendungen überbewertet.
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man elektronische Geräte meist über ein nicht-touch-basiertes Interface gesteuert hat – also mit Knöpfen und Computermäusen, Tastaturen, Joysticks und Gamepads und Fernbedienungen. Es gibt Momente im Umgang mit der R100, wo ich froh bin, kein Touch-Display zu haben, einfach, weil es mir in dem Moment die Entscheidung abnimmt, wie ich die Kamera bediene.
Das fehlende Schwenkdisplay empfinde ich bei meiner Arbeitsweise verschmerzbar. Nur bei Aufnahmen überkopf oder bodennah erlebe ich Einschränkungen.
Sensorbasierte Bildstabilisierung
Bildstabilisierung wäre kurz gesagt sicher toll und nützlich. Aber oft ist die ohnehin im (preisgünstigen Zoom-)Objektiv verbaut. Viele Situationen gehen ohne Bildstabilisierung und wenn doch von Nöten kann ein Stativ eingesetzt werden.
Serienbildaufnahmen sind Spezialanwendungen
Schnelle Serienbildaufnahmen sind für bestimmte Anwendungen nützlich (Tieraufnahmen, Sportaufnahmen…) und sind im gehobenen Modellen Standard. Mit dem Motiv-Verfolgungs-Autofokus erlaubt die R100 ca. 3,5 Bilder in der Sekunde, mit einem initialen, einmaligen Autofokus sind 6,5 Bilder in der Sekunde möglich. Das ist ganz sicher vergleichsweise langsam.
Gleichzeitig kann man argumentieren: Frühere „Profimodelle“ wie die Canon 5D Mark II (zugegeben, vor mehr als 17 Jahren erschienen, aber dennoch bis heute eine „Legende“in der Wahrnehmung vieler Nutzer) konnten damals auch nicht wirklich schneller agieren. Meine persönliche Arbeitsweise benötigt selten die Serienbildfunktion, obwohl ich Menschen (sogar Kinder) mit der R100 fotografiere. Ich denke, dass die anvisierte Zielgruppe in vielen Fällen mit der geringen Anzahl an Serienbildern kein Problem haben sollte, wenn Portraits, Urlaubserinnerungen, Landschaftsaufnahmen o.ä. im Vordergrund stehen.



Wenn Bilder nicht klappen, dann ist oftmals das Objektiv und dessen Autofokus der Flaschenhals. Hier entstammen die letzten beiden Bilder einem adaptierten 70-200mm-Objektiv mit schnellem Autofokus. Natürlich würde der Tieraugen-Autofokus einer R10 oder R50 es leichter machen, manche Tiere zu fotografieren, aber diese Mittel hatten Fotografen der Vergangenheit auch nicht und mussten einen Workaround finden. Es gibt Möglichkeiten mit der R100, nur sind die dann unbequemer und ganz ehrlich, wenn das Ziel ist, häufig Tiere zu fotografieren, dann schaut man sich woanders um.
Fazit:
Die Canon R100 ist eine fähige, kleine Kamera. Sie beinhaltet alles Wesentliche, was eine moderne Foto-Kamera haben muss.
Es gäbe sicherlich manche wünschenswerte Optimierung für die R100. Aber auch mit dem Gebotenen erlebt man zuerst einmal keine massiven Einschränkungen, solange man von speziellen Anwendungen absieht.
Touch-Display, Schwenkdisplay sind meines Erachtens für das Fotografieren teils eine Erleichterung, aber nicht essentiell nötig, genauso wie schnelle Serienbilder oder in der Kamera verbaute Bildstabilisierung sicherlich tolle Features sind, aber eben nicht essentiell.
Ich sehe die R100 als einfache, Einsteiger und Foto-orientierte Kamera. Usern, die ihre Kamera auch viel zum Filmen nutzen wollen, finden bei Canon und anderen Herstellern viel bessere Alternativen.





