Kirchengebäude – ein Relikt aus der Vergangenheit?
Große Kirchengebäude sind in Deutschland und anderen westlichen Staaten teilweise ein Relikt aus der Vergangenheit, ein Relikt aus einer Zeit, in der die Menschen einen anderen Zugang zu Religion und zu Gott hatten.

Politikwissenschaftler, Philosoph und Katholik Charles Taylor beispielsweise schrieb zu diesem Themenkomplex das Mammutwerk „Ein säkulares Zeitalter“, wo er den Prozess der Säkularisierung beschreibt und aus seiner Sicht interpretiert.
Früher waren viele Kirchen zentrale, wichtige Orte im Leben einer Dorfgemeinschaft oder Stadt. Heute mögen sie in größeren Städten Sehenswürdigkeiten sein, aber selten ziehen die Gottesdienste noch viele Menschen in ihren Bann.

Kirchen sind Kunst und sind ein Statement
Sakrale Bauwerke waren und sind immer auch ein Statement. Sie sind Kunst und haben eine religiöse Botschaft. Sie sollen Orte des Versammelns sein, heilige Orte, die oftmals einer Gottheit geweiht sind.
Kirchen sind, was die Architektur angeht, vielfältig. Es gibt nicht den einen Architektur-Stil, sondern ganz viele unterschiedliche Bauweisen und Ausdrucksformen, die auch durch die gegenwärtige christliche Kultur zur Zeit ihres Baus geprägt sind. Kirchen können unterschiedliche Aspekte des christlichen Glaubens bzw. der jeweiligen Konfession besonders hervorheben.

Protestantische Kirchen sind, was die Kunst angeht, meist einfacher bzw. schlichter gehalten, theologisch bedingt oftmals ohne Darstellungen von Heiligen oder Ikonen. Manche sakralen Gebäude der orthodoxen und katholischen Kirchen sind sehr prunkvoll und mit reichen Verzierungen geschmückt und zeigen z.B. den Heiligen, dem die Kirche gewidmet ist.

Daher finde ich persönlich es immer spannend, Kirchengebäude zu besuchen und zu schauen: Was genau bringen sie zum Ausdruck?
Als Laie, was Kunst allgemein angeht, kann ich meist nur beobachten und meine Beobachtungen oftmals nicht in Worte fassen.
Für mich lösen Kirchengebäude oftmals unterschiedliche Assoziationen aus.
Größe und Erhabenheit
Als jemand, der in der Stadt des ehemals höchsten Kirchturms der Welt geboren wurde, fällt es mir leicht, die Größe und Erhabenheit, die so ein gewaltiges Bauwerk wie das Ulmer Münster ausstrahlt, wahrzunehmen. Ich erinnere mich noch wie ich in meiner Teenager-Zeit einmal nach einem Besuch im Ulmer Münster, direkt vor der Tür stehend von unten am Gebäude hochschaute. Ich bin fast erschrocken, wo mir bewusst wurde, wie hoch das Gebäude in Wirklichkeit ist, als ich es unter dem Eindruck der an diesem Tag sich sehr schnell bewegenden Wolken betrachtet habe. Es ist wirklich ein majestätisches Bauwerk und es spiegelt einerseits wieder, wie klein wir als Geschöpfe sind und andererseits zeigt es die Erhabenheit eines Schöpfers, der den Geschöpfen so unendlich überlegen ist.

Kreativität
Es mag nicht in jedem Fall meine persönlich bevorzugte Art von Kunst sein, aber in der Architektur und auch der „Innenausstattung“ von Kirchengebäuden wird viel an Kunstfertigkeit und Kreativität sichtbar. So ein Relief fertigt sich nicht von selbst an. Es entsteht nicht von selbst. Es braucht einen Geist, der ein Ziel verfolgt, über Planungsfähigkeiten und Methoden verfügt, dieses Ziel zu erreichen. Diese Kreativität der Erbauer und Erschaffer dieser Kunstwerke spiegelt den Geist eines kreativen Schöpfers wieder.

Heiligkeit
Ein Kirchengebäude besteht ja letztlich nicht für sich selbst, sondern ist ein Gebäude an einem Ort, das Raum gibt, um sich darin zur Verehrung Gottes zu versammeln. Es ist gewissermaßen Gott geweiht. Also Heiligkeit kann man einerseits so verstehen, dass ein Gegenstand oder in dem Fall ein Gebäude für den bestimmten Zweck der Verehrung Gottes reserviert ist und auch nicht für andere Zwecke gedacht ist.

Heiligkeit kann in einem anderen Sinn auch so verstanden werden, dass sie im Gegensatz zum Profanen (dem „Gewöhnlichen“, dem „Weltlichen“) steht, welches im Kontrast zum Göttlichen zu sehen ist. Für mich kommt beides in einem Kirchengebäude zum Ausdruck.
Man kann sagen, dass viele Kirchengebäude, besonders der römisch katholischen oder der orthodoxen Tradition eine Art „rituelle Heiligkeit“ widerspiegeln, die in einem „gewöhnlichen Gebäude“ entsprechend dieser Denkweise nicht denkbar wäre.

Es finden – so wie ich es verstehe – dieser Logik nach dort besondere rituelle Akte statt. Besondere religiöse Gegenstände dort – wie ein Altar – sind „geweiht“ und könnten durch unsachgemäße Behandlung „entweiht“ werden. Auch durch den Einsatz von Weihwasser und einen allgemein sinnlicheren Gottesdienst z.B. in der römisch katholischen Tradition kann man davon sprechen, dass diese Rituale und Zeremonien stärker im Vordergrund stehen.

Diese Denkweise speist sich auch aus den Ritualen des alttestamentlichen Gottesdienstes (im Judentum vor Jesus Kommen). Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte in den orthodoxen und der römisch katholischen Kirchen auch viele Traditionen entwickelt, die man nicht zwingend aus den neutestamentlichen Schriften und Lehren der Apostel und Zeitgefährten von Jesus ableiten kann.
Viele Dinge, z.B. die Liturgie eines Gottesdienstes sind in den neutestamentlichen Schriften nicht genau festgelegt, während hingegen viele Rituale im alten Testament genau beschrieben sind, inklusive vieler Regeln für z.B. diejenigen Priester, die in heiliger Weise Opfer-Rituale vollziehen sollten.

Auch wie man diese Tatsache theologisch gesehen interpretiert, wirkt sich stark auf die Gestaltung von Gottesdiensten aus und am Ende auch darauf, wie man den Sinn und den Zweck eines Kirchengebäudes versteht, weshalb Kirchen in unterschiedlichen Konfessionen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Kulturen anders gebaut und verwendet wurden.

Einige Traditionen haben besonders auch eine asketische Lebensweise und ein Mönchtum hervorgebracht, auch Fragen des Zöllibat für Priester oder sonstige ordinierte Personen wurden von unterschiedlichen Traditionen verschiedentlich beantwortet.

Auch deswegen finde ich es spannend, Gebäude anderer Konfessionen als meiner eigenen, eher protestantischen Tradition anzuschauen. Die Theologie schlägt sich auch in der (Bau-)Kunst nieder.
Vergänglichkeit
Kirchengebäude erinnern mich an meine eigene Sterblichkeit. Viele Kirchen sind so gebaut worden, dass sie Jahrhunderte überstehen können. Viele Kirchengebäude sind weit älter als ein Menschenleben währt. Ein Mensch wird, wenn es hochkommt, 100 Jahre alt. Eine Kirche kann einige Jahrhunderte auf dem Buckel haben.

Dieselbe Assoziation kann ich selbstverständlich auch haben, wenn ich in Süddeutschland Ruinen der römischen Limes-Mauern betrachte. Die Tatsache, dass manche Gebäude Generationen von Menschen überdauert haben, kann Gedanken an den Tag wecken, an dem ich selbst einmal nicht mehr bin. Dieser Gedanke „erdet“ mich und hält mir den Spiegel vor.

Jesus Christus
Ein Besuch in Rom am Kolosseum wird nicht in gleicher Weise wie ein Kirchengebäude in mir die Erinnerung an den Urheber des christlichen Glaubens hervorrufen. Jesus Christus ist nicht wegzudenken und in unzähligen Darstellungen in Kirchengebäuden verewigt.

Jedes (auch leere) Kreuz ist ein Hinweis auf Christus. Die Darstellungen von Jesus Christus beschränken sich aber nicht auf Kreuze und Kruzifixe (häufiger in katholischen Kirchen), er kann auch in Gemälden portraitiert sein oder – wie oft auf Friedhöfen zu sehen – als der Auferstandene dargestellt werden (zu erkennen an den bekannten Wundmahlen).
Ich persönlich bin, was solche Darstellungen angeht, zwiegespalten. Natürlich kann man argumentieren, eine Darstellung von Jesus Christus hilft den Menschen, sich ihn besser vorzustellen.

Seine „Message“ erfährt man auf diese Weise nicht so genau. Genauso wie eine Statue von Julius Cäsar lediglich eine Illustration ist. Vielleicht zeigt man Julius Cäsar erhaben zu Pferd – man schafft dadurch eine Assoziation, aber kein genaueres Wissen. Ich weiß in dem Fall nur, dass er wohl ein mächtiger Mann in einer Rüstung auf einem Pferd gewesen sein muss, was es aber sonst mit ihm auf sich hat, lese ich in Büchern von ihm und über ihn.

Bildliche Darstellungen – und das gilt auch für die Fotografie – sind nur Illustrationen, die womöglich einen stark symbolischen Moment darstellen. Aber ein richtiges Verständnis bekomme ich nur, wenn ich Schilderungen über das Leben, Reden und Handeln eines Menschen lese oder höre. Eine Illustration ohne ein vorhandenes Hintergrundwissen kann im besten Fall – neugierig machen, oder aber auch das Interesse gleich im Keim ersticken, wenn die Darstellung bedrohlich oder abstoßend wirkt oder nichtssagend ist.

Sind Kirchengebäude eigentlich notwendig?
Geschichtlich gesehen mussten die ersten Christen ohne explizite Kirchengebäude auskommen. Die Apostel traten laut den Schilderungen des Neuen Testaments erst in den Gebäuden der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Erscheinung (im Tempel in Jerusalem und den Synagogen), es gab keine expliziten christlichen Tempel oder Kirchen. Als sie dort nicht gern gesehen waren, trafen sie sich in den Häusern einzelner Gläubiger oder es wurden Räumlichkeiten zur Lehre oder Anbetung angemietet.

Als der Apostel Paulus einmal in Athen vor einigen Philosophen spricht, nachdem diese ihn zu sich eingeladen hatten, erklärt er diesen Philosophen den christlichen Gott wie folgt:
Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. (Apostelgeschichte 17, Verse 24 und 25)
Ich verstehe das so, dass sakrale christliche Gebäude keine Notwendigkeit sind. Im Neuen Testament wird vielmehr betont, dass Gott der Vater und sein Sohn Christus durch den Glauben in den Herzen der Gläubigen wohnen, dass die Gläubigen – als zusammengehörende Gruppe – einen „Tempel“ darstellen, ob sie sich nun in einem wie auch immer gearteten Gebäude treffen oder sich in der freien Natur versammeln würden. Ein Gläubiger weist auf den Gott hin, an den er glaubt – so wie ein Tempel, der einem bestimmten Gott gewidmet ist, auf diesen Gott hinweist.

Es geht – so verstehe ich den Glauben – nicht zuerst um ein tempelartiges Gebäude oder um äußerlich vollzogene Rituale, sondern um eine innere, Haltung, die ihre Hoffnung für das eigene Leben auch im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit auf Gott setzt.
Auf einem Friedhof fand ich auf einem Grabstein mal explizit die Aufschrift „Sie werden auferstehen“.

Der christliche Glaube verspricht ewiges Leben, er verspricht, dass mein Leben nicht mit dem Tod endet. Das ist eine wesentliche Hoffnung für einen gläubigen Menschen.
Hoffnung
Eine Assoziation im Zusammenhang mit Kirchen, die mir zuletzt in den Sinn kam, ist Hoffnung. Manchmal finde ich Kirchengebäude im Innern, obwohl erhaben wirkend und kunstfertig gestaltet, etwas trostlos und einfach düster und so, dass man sich dort nicht so wohl fühlt. Das mag mein persönliches Empfinden sein und jemand anders mag es anders empfinden.

Lebendig wird für mich so ein Raum und Gebäude dann, wenn die Sonne von außen in das Gebäude scheint und es erhellt. Der Eindruck einer lichtdurchfluteten, von der Sonne erhellten Kirche kann wirklich beeindruckend sein und hebt den ganzen Eindruck, den man gewinnt, auf eine neue, herrliche Ebene. Das Licht macht den Unterschied. Das gilt fürs Fotografieren und das gilt auch für eine Kirche.
