Wir leben – zumindest in unserer westlichen Kultur – in einer Umgebung, die nicht unbedingt darin förderlich ist, eine Haltung der Zufriedenheit zu entwickeln.

Was meine ich mit Zufriedenheit?
Es gibt für viele Worte nicht unbedingt eine allgemeingültige Definition, was ihren Bedeutungsumfang angeht. Deswegen gibt es zu manchen Worten und dem damit verbunden Konzept viele ausführliche Beschreibungen, denen teils auch verschiedenartige Auffassungen zugrunde liegen.
Ich persönlich würde das Konzept von Zufriedenheit so definieren, dass es psychologisch gesehen um ein Einverstandensein mit einer bestehenden (Lebens-)Situation oder mit bestimmten erreichten Ergebnissen geht.
D.h. konkret: Kann ich einen bestimmten Sachverhalt – so wie er ist – annehmen oder nicht?

Das hängt fraglos von meinen persönlichen Erwartungen ab. Vielleicht kann ich z.B. eher akzeptieren, wenn mir Unrecht geschieht als, dass ich selbst jemandem anderen Unrecht tue – wegen meiner Erwartung an mich selbst, mich moralisch tadellos zu verhalten, während ich anderen es eher zugestehe oder wenigstens Verständnis dafür habe, sich aus dem einen oder anderen Grund „fehl zu verhalten“ – ohne es notwendigerweise gut zu heißen.
Es geht am Ende immer um die eigenen Erwartungen, sei es finanziell/materiell, sei es gesundheitsbezogen, sei es auf meine konkreten Moralvorstellungen bezogen, sei es auf meine kreativen und gestalterischen Interessen bezogen.

Diese Erwartungen können sich verändern und werden von uns auch immer wieder neu priorisiert. Es mag sein, dass in einer Lebensphase mein Wunsch nach meiner individuellen Freiheit so groß ist, dass ich davon absehe, viele enge Beziehungen zu führen, die meine Freiheit stärker einschränken würden, weil sie z.B. verstärkt Verantwortung für andere Menschen mit sich bringen.
Was bedroht meine Zufriedenheit?
Letztlich bedrohen hohe oder vielleicht wenig durchdachte Erwartungen meine Zufriedenheit. Wenn es meine Erwartung war, mit 40 Jahren eine Luxus-Yacht zu besitzen und dauerhaft unterhalten zu können und ich es aber beispielsweise nicht erreicht habe, Multimillionär zu werden und eine Grundlage für einen solchen Lebensstil geschaffen zu haben, dann werde ich unzufrieden sein, weil meine Erwartung bedeutet, in dieser Lebenslage weit unter meinen angestrebten Lebenstandard zu leben und permanent daran zu denken, dass ich nicht habe, was ich mir wünsche.
Eine Lösung kann darin bestehen, meine Erwartungen zu hinterfragen und neu für mich zu verhandeln.

Eine andere Lösung kann darin bestehen, die gegenwärtige Situation durch meine Einflussnahme zu verändern und so für meine Zufriedenheit zu sorgen.
Es geht nicht nur um meine Erwartungen, sondern auch um die Erwartungen oder Einflüsse meiner Umgebung
Es gibt viele äußerliche Faktoren, die meine eigenen Wünsche oder Erwartungen beeinflussen. Das fängt mit den Menschen an, die mir am nächsten stehen. Welche Erwartungen haben sie an mich und wie beeinflusst das meine persönlichen Erwartungen? Man kann weiter die gesellschaftlichen Normen und Werten (oder den Mangel solcher für alle verbindlichen Werte) nennen, die einen Einfluss auf mich ausüben. Wo stimme ich zu? Wo lehne ich diese Werte ab?

Meine Erwartungen werden auch durch gezielte Versuche, z.B. bestimmte Produkte durch Werbung anzupreisen, beeinflusst, aber auch durch Vergleiche, die ich selber anstelle, wenn ich sehe, was der Nachbar für ein Auto fährt oder wie er seinen Garten oder Balkon gestaltet. Besonders junge Menschen vergleichen sich mit anderen auf Plattformen der sozialen Medien und entwickeln daran Vorstellungen wie sie sein müssten oder was sie haben müssten, die nicht unbedingt gesund sind oder einfach nur einen kurzzeitigen Trend darstellen.
Warum sind meine Erwartungen wie sie sind?
Ich erlebe es bei mir immer wieder, dass ich unbewusste Erwartungen habe, die mir nur dann ins Bewusstsein kommen, wenn sie verletzt werden. Und besonders diese unbewussten Erwartungen haben häufig keine für mich auf den ersten Blick erkennbare dahinter liegende Motivation.

Ein triviales Beispiel kann meine zunehmend gedrückte Laune bei tagelangen oder wochenlangen trüben Wetter sein, insbesondere in den Wintermonaten. Es kann sein, dass ich nach einer längeren Trübwetter-Phase gereizt reagiere, mich über das Wetter ärgere.
Warum?
Weil meine Erwartungen bezüglich des Wetters nicht erfüllt worden sind. „Ein paar Tage trübes Wetter sind nicht schön, aber ertragbar. Wenn es jetzt nahezu zwei Wochen am Stück hauptsächlich trübes Wetter hat, ist das für mich gelegentlich schwer zu akzeptieren und mein Ärger ist aus meiner Sicht berechtigt“.

De facto ist mir aber kein Unrecht geschehen. Mir steht kein gutes Sonnenschein-Wetter zu. Meine Erwartung, gutes Wetter anzutreffen, speist sich womöglich aus meinem Wunsch nach der wärmenden Energie der Sonne, aus dem Wunsch nach Helligkeit, aus dem Wunsch, nach Abwechslung. Ich möchte nicht Tag für Tag wechselnde Stufen unterschiedlicher Nuancen von grau-trübem Licht ausgesetzt sein.
Diese Wünsche, die ja für sich genommen gute Wünsche sein können, werden oft – ohne, dass es mir bewusst ist – zu Erwartungen. Es sind Erwartungen bzgl. des Wetters, die das Wetter zu erfüllen hat. Es sind Erwartungen an andere Menschen, die sie selbstverständlich zu erfüllen und wenn sie diese meine Erwartungen nicht erfüllen, habe ich aus meiner Sicht das Recht unzufrieden zu sein. Dabei habe ich diese Erwartungen möglicherweise nicht einmal mit meinem Gegenüber besprochen oder verhandelt und mir auch nicht seine eigenen Erwartungen angehört.

Ich selbst kann meine Zufriedenheit beeinflussen
Ich möchte hier in keinem Sinn Widrigkeiten schön reden. Schmerzen, eine schlimme Krankheit oder auch eine psychische Beeinträchtigung, auch Verletzungen in Beziehungen oder Verlust werden nicht durch eine einfache Entscheidung, meine Erwartungen zu senken, kein Problem mehr darstellen. Nein, wenn ich krank bin, wenn ich Schmerzen habe, wenn Dinge schief gehen, dann ist es auch erst einmal in Ordnung, dass mir das nicht gefällt. Es ist schlicht so, dass ich an solchen Widrigkeiten leide.

Und gleichzeitig ist Zufriedenheit nicht an die Abwesenheit von Widrigkeiten gekoppelt. Ich kann leiden und Widrigkeiten erleben und trotzdem zufrieden sein, wenn ich eine entsprechende Haltung einnehme. Ich muss nicht völlig Opfer meiner Umstände sein.
Es kann sein, dass mein Leiden verstärkt wird, wenn ich…
…mich mit Menschen vergleiche, die es besser haben als ich
…die gegenwärtigen Bedingungen nicht akzeptieren will oder kann, obwohl eine Änderung unmöglich ist
…meine Gedanken auf all das richte, was mir fehlt, anstatt all das im Blick zu haben, was gut ist und „funktioniert“ und wofür ich dankbar sein kann
Was hilft dabei, zu mehr Zufriedenheit zu finden?
Zufriedenheit, wie ich sie verstehe, meint nicht nur ein kurzes Glücks-Hoch-Gefühl, das man am Abend hat, aber am nächsten Morgen wieder verschwunden ist, sondern einen länger anhaltenden Zustand, der meinem Verständnis nach in irgendeiner Form mit Dankbarkeit verbunden ist.

Ich kann diese Zufriedenheit fördern, indem ich…
…mich selbst frage, was ich wirklich benötige und worauf ich auch verzichten kann (und ehrlich gesagt, gibt es ziemlich viel, auf das ich besonders an materiellem Besitz verzichten kann
…all das Gute, was ich habe, wertschätze und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen kann und es nicht für selbstverständlich voraus setze, als würde mir das Gute zustehen
…ich Vergleiche, die von außen an mich herangetragen werden (z.B. Werbung für neue Produkte, Events, Aktivitäten…), kritisch hinterfrage. Eine Kamera haben zu wollen, nur weil sie ein von mir verehrter Fotograf besitzt und von ihr schwärmt, ist keine sinnvolle Grundlage für eine Kaufentscheidung. Es ist immer wichtig zu fragen: Was sind meine genauen Ziele und warum habe ich diese Ziele? Will ich andere beeindrucken? Habe ich einfach Spaß an neuer Technik? Brauche ich die Technik regelmäßig für eine bestimmte Arbeitsweise und bestimmte Ergebnisse? Und warum sind diese mit der Ausrüstung erhofften Ergebnisse so wichtig? Kann ich mich mit weniger zufrieden geben? (man unterschätzt zudem oft, welche Ergebnisse mit vergleichsweise schwacher Technik aber viel Kreativität möglich werden)

Ich denke, wir sind so „gebaut“, zu arbeiten, uns anzustrengen, einen Sinn und Werte im Leben zu haben und für diese zu kämpfen, sie zu bewahren – und auch im richtigen Maß dankbar das Gute in unserem Leben zu genießen (und dankbarer Genuss übertrifft in meiner Erfahrung einen „raffgierigen“ Genuss, bei dem ich ohne Rücksicht auf Verluste mein Genießen in den Vordergrund stelle, bei Weitem). Wenn das aus dem Gleichgewicht kommt, kann ich mich in einer heftigen Sinnkrise wiederfinden.
Je nachdem wie ich derartige Fragen beantworte und wirklich ehrlich zu mir bin bzgl. meinem Beweggründen und eben diese Beweggründe auch einer kritischen Untersuchung unterziehe, verändert es meine Haltung, weil ich mir bewusst werde, was ich wirklich brauche und wo ich schon einfach übersättigt bin an Dingen und Möglichkeiten, die mich eigentlich sogar überfordern und mir gar nicht gut tun.
Allein, was heute an frei zugänglichen audio-visuellen Medien oder Podcasts existiert, ist krass – verglichen mit den begrenzt zugänglichen Medien vor 70 Jahren. Heute haben wir „Stress“, weil wir Abonnements bei Spotify, bei diversen Videostream-Plattformen haben und diese Abos auch genutzt sehen wollen und haben gewissermaßen Angst, irgendetwas Sehens- oder Hörenswertes zu verpassen…
Übersättigung und Sinnentleerung
Bezogen auf Besitz z.B. denke ich, dass ich all das, was ich habe, auch verwalten muss und es manchmal herrlich befreiend ist, mit weniger auszukommen und somit auch weniger Last zu tragen. Viel Besitz kann auch viel Last bedeuten.
Bezogen auf Genuss kann man sagen – und das sei gesagt ohne den moralischen Zeigefinger zu heben – dass die reine Orientierung am Genuss – ohne echten Sinn und Werte im Leben – auch zunehmend in eine Sinnlosigkeit führen kann; d.h. obwohl ich den „Spaß“ meines Lebens habe, mag es sein, dass mein Leben zunehmend Sinn-entleert wird, weil ich keinen eigentlichen Sinn und Aufgabe mehr habe und sehe.
Zufrieden zu sein ist schön.
Das Thema Zufriedenheit wird auch im religiösen und spirituellem Kontext aufgegriffen.
Man findet beispielsweise viele Gedanken dazu im Buddhismus, wobei ich persönlich die buddhistische Weltanschauung in ihrer Essenz nicht teile, aber auch dort hilfreiche Gedanken finde, die Wahrheit enthalten.
Im christlichen Glauben geht es auch um Zufriedenheit und Genügsamkeit. Und diese haben viel damit zu tun, dass ich mir meiner Position bewusst bin, die ich innehabe. Ich bin nicht der Schöpfer, sondern nur ein begrenztes Geschöpf, mit begrenzter Zeit, begrenzter Kraft, begrenztem Wissen und Verständnis. Ich kann nicht alles. Ich kann sogar vieles nicht und ich setze meine Hoffnung nicht auf meinen materiellen Reichtum oder auf meine Gesundheit und Kraft oder auf mein Verständnis der Welt.

Sondern ich setze meine Hoffnung auf meinen Schöpfer, auf den, der mich geschaffen hat und mir Atem und Kraft und mein täglich Brot gibt.
So kann der Apostel Paulus auch schreiben:
„Ich habe nämlich gelernt, mit der Lage zufrieden zu sein, in der ich mich befinde. Denn ich verstehe mich aufs Armsein, ich verstehe mich aber auch aufs Reichsein; ich bin mit allem und jedem vertraut, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden.“
(Auszug aus dem Philipper-Brief, den Paulus verfasst hat)
Nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern die Tatsache, dass er sich selbst und sein ganzes Leben seinem Schöpfer anvertraut hat, lässt ihn lernen, in seinem Leben zufrieden zu sein, unabhängig von seinen Umständen.
Meine Zufriedenheit hat Auswirkungen auf meine Umwelt
Wie ich über mich, die Welt und über Gott denke, wirkt sich stark auf meine persönliche Zufriedenheit aus. Meine Zufriedenheit ist dabei nicht nur für mich selbst eine wichtige Sache. Sie wirkt sich auch direkt auf meine Mitmenschen aus, also auf diejenigen, die mit mir oft täglich umgehen müssen.
Bin ich zufrieden und ausgeglichen, dann tue ich in aller Regel meiner Umgebung gut und bewirke auch in meinen Mitmenschen mehr Zufriedenheit. Bin ich ein Griesgram, wird allen um mich herum das Leben schwer.
Meine Haltung, meine Gedanken, mein Handeln beeinflussen meine Umgebung. Wenn ich selbst mich um Zufriedenheit bemühe, habe nicht nur ich persönlich einen Gewinn, sondern die anderen um mich herum auch.
