Wie Einschränkungen die Kreativität in der Fotografie fördern können

Wenn ich in meinem Leben auf Hindernisse und Begrenzungen stoße, wünsche ich mir oft eine komfortable, bequeme und schnelle Lösung um das Hindernis zu überwinden. Und ganz fraglos: „Dumm“ muss man nicht sein und für viele Hindernisse und Erschwernisse gibt es Lösungen, die bequem und schnell sind.

Für weite Wegstrecken, kann man z.B. ein Automobil oder einen Zug nutzen, statt eine dreistellige Anzahl an Kilometern in mehreren Tagen zu Fuß zurück zu legen.

Ich mache mir manchmal gar nicht bewusst, wie viele Strategien wir Menschen entwickelt haben um unser Leben einfacher zu machen und abzukürzen. Die Tatsache, dass dieser Artikel von vielen Orten der Welt aus gelesen werden kann, zeigt nur eine der vielen technischen Möglichkeiten, die uns wie selbstverständlich offen stehen,  trotz großer räumlicher Distanz miteinander zu kommunizieren. Es gab freilich auch in der Antike Boten, die Briefe über tausende Kilometer transportiert haben. Aber das war weit anstrengender und mühsamer als der heutige Zugriff auf eine Infrastruktur, die Telekommunikation nahezu ohne Zeitverzögerung vom einen Ende der Welt zum anderen Ende der Welt ermöglicht.

Der Bau von Straßen war eine Technologie, die das Leben seit Jahrtausenden sehr erleichtert. 2012

Die technische Aufrüstung

Auch in der Fotografie haben sich die Hersteller von Kameras im Laufe der Zeit viele Annehmlichkeiten einfallen lassen. Bekannt und geschätzt sind die verschiedenen Autofokus-Systeme, die bei zahlreichen Herstellern inzwischen ganz vorzügliche Ergebnisse erlauben.

Man muss den Punkt der Schärfe nicht per Hand einstellen. Man kann inzwischen einen bestimmten Bereich automatisiert scharfstellen lassen, z.B. mit Hilfe von einer Objekterkennung (wie z.B. automatischer Erkennung und Scharfstellung auf Menschenaugen, Tieraugen, Fahrzeuge…). Früher setzte Fotografie voraus, dass der Nutzer selber mit seiner Hand und einem Drehring am Objektiv festlegte, wo sich der Schärfe-Bereich befinden sollte.

Digitale Kameras bieten auch weiter viele Vereinfachungen und erweiterte Möglichkeiten, so z.B., dass nahezu jede moderne spiegellose Kamera gleichzeitig auch eine Videokamera darstellt. Früher brauchte es zwei unterschiedliche Geräte. Heute kann man mit ein und demselben Gerät hochwertige Fotos schießen und annehmbare Videos aufnehmen – weit über dem Niveau, das früher Amateuren zu solchen Preisen verfügbar war.

Wenn man diese gewachsenen Möglichkeiten gewohnt ist, die mit den technischen Verbesserungen einhergegangen sind, ist man dann relativ frustriert, wenn man auf eine größere Begrenzung stößt.

Solche Begrenzungen können darin bestehen, dass man das Gefühl hat, man hätte lieber ein Objektiv, das mehr Licht  auf den Sensor lässt, man hätte lieber eine Kamera-Ausrüstung, die leichter und kleiner ist oder die eine neuere Sensortechnik verbaut hat. Früher waren 12 Megapixel hochauflösend. Heute braucht es Minimum 60 Megapixel, wird manchmal der Eindruck erweckt.

Manche Wege sind einfach versperrt und werden auch nicht dadurch passierbar, dass ich über die Absperrung klettere. 2025

Alles ist ein Kompromissphysikalische Grenzen

Es sind die Begrenzungen der Physik, die man besonders in extremen Situationen trotz all der Technik-Verbesserungen seit der Einführung der digitalen Aufnahmetechnik spürt. Wenn ein Objektiv vergleichsweise klein und leicht ist und einen großen Zoombereich abdeckt, dann wird es eher wenig Licht auf den Bildsensor lassen.

Andererseits: Sobald man sich z.B. für extreme Tele-Brennweiten interessiert, die zudem „lichtstark“ sein sollen, wird die Ausrüstung sehr schnell sehr kostenintensiv und voluminös. Diese physikalischen und finanziellen Gegebenheiten lassen sich nicht wesentlich ändern.

Manchmal kommt man nicht in den Zug, auch wenn man will. Wenn man zu spät ist und die Abfahrt beschlossen ist, bleiben die Türen zu, gleichsam einem Naturgesetz. So geschehen hier, 2011 in Ulm

Der aufkommende Gedanke ist dann, sich für jede erdenkliche Situation mit dem perfekten Werkzeug auszurüsten. Wenn man sich auf dem Markt umschaut, gibt es zahllose Möglichkeiten. Konsequent zu Ende gedacht ist das aus meiner Sicht ein Fass ohne Boden.

Natürlich ist es sinnvoll, für eine Aufgabe das best geeignete, zugängliche Werkzeug zu verwenden. (Je nach Priorität auch, was die Handhabung angeht, nicht lediglich auf die absolute Bildqualität bezogen)

Nur ist die Tendenz häufig, aus übertriebener Vorsicht zu viele Werkzeuge zu haben und mitzuschleppen. Der Irrglaube ist: Nur, wenn ich für jede erdenkliche Lage das „richtige“ Equipment habe, dann kann ich angemessen kreativ sein. Dabei reicht oft eine sehr einfache Ausrüstung um tolle Fotografien zu machen.

Kreativität zeigt sich nicht darin, das beste und teuerste Equipment zu besitzen, sondern darin, das Equipment, das zur Hand ist, bestmöglich zu verstehen und auszureizen. Die Grenze dabei ist häufig nicht technischer Natur, sondern meine eigene Vorstellungskraft und meine eigenen Strategien und Techniken. (Fraglos sollte man besonders in kritischen Situationen im professionellen Bereich wissen, was man wirklich für schnelles und zuverlässiges Arbeiten braucht und auch entsprechend Ersatz für einen etwaigen Ausfall parat haben, darum geht es hier aber nicht)

Kreativ durch ein klar eingegrenztes Ziel

Wenn ich im Leben etwas erreichen möchte, einen bestimmten Fortschritt erzielen möchte, dann ist es wichtig, mir ein klares Ziel zu setzen. Diese Technik der Zielsetzung ist auch in der Fotografie eine wesentliche kreative Methode.

Durch diese Begrenzung (ein klar definiertes Ziel schränkt meine akzeptablen Ergebnisse ein) wird mein Blick darauf fokussiert, was ich anstellen muss um das Ziel zu erreichen und oftmals bringt es mich dazu, mehrere Versuche zu wagen, unterschiedliche Standpunkte und Techniken auszukundschaften und am Ende zu schauen, welcher Ansatz am besten funktioniert. Ohne solche Intention gehe ich oft eher ziellos voran. Mache hier ein Bild, mache dort ein Bild, aber ohne mich auf eine Sache zu konzentrieren und sie richtig gut zu lösen.

Wenn ich in eine Stadt reise und mir dabei ein unkonkretes, verwaschenes Ziel setze wie „Ich will die Stadt fotografieren“ ist es häufig so, dass wenig Gutes dabei heraus kommt, weil ich keinen klaren Plan und daher auch wenig Strategie habe: Wo gehe ich hin, was suche ich denn genau? Was sind die Kriterien, nach denen ich vorgehe? Fragen, die es sich lohnt im Vorfeld zu stellen.

Mein konkretes Ziel war, diese Absperrung möglichst gut in Szene zu setzen. Ich habe dazu erst mit einem Teleobjektiv gearbeitet. Das Ergebnis gefiel mir nicht so sehr. Gut funktionierte dann tatsächlich diese Weitwinkelaufnahme, da sie gut den Kontext zur Absperrung zeigte und hier verschiedene Ebenen gezeigt sind (mit der Straße im Vordergrund, dem Motiv (Absperrung) in der Mitte und im Hintergrund ist die Geografie zu erkennen + eine reizvolle Wolkenformation, die einen guten Farbkontrast zum Motiv darstellt, die bläuliche Färbung lässt die  die rot-weiße Absperrung umso mehr hervortreten)

Ein Ziel kann zum Beispiel darin bestehen, an einem Tag gezielt nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu machen (an spiegellosen Kameras ist oftmals sogar ein schwarz-weißes Sicherbild einstellbar) und das zwingt mich, unter anderen Gesichtspunkten an meine Bilder heran zu gehen als ich es sonst bei Farbbildern machen würde. Ich achte dann mehr auf kontrastreiche Szenen mit Licht und Schatten, die in Schwarz-weiß besonders zur Geltung kommen.

Ein anderes Ziel könnte darin bestehen, sich eine Stunde lang auf eine bestimmte Art von Motiv oder eine einzelne Farbe zu fokussieren oder nach Objekten zu suchen, die wie ein Bilderrahmen einen ein Motiv einrahmen können (Fenster, Türen, Tunnel, Spiegel oder Pflanzen, durch die man hindurch sehen kann z.B.). Ich verfolge dann konzentriert meine Aufgabe und überlege, wie ich sie am besten bewältige, passe meine Strategie immer wieder an, probiere Techniken aus und verbessere das Ergebnis immer wieder.

Eine klar definierte Aufgabe, hier: ein klar definiertes Motiv, wie der Löwenkopf an der Tür, erlaubt mir, mich gedanklich auf ein konkretes Ziel zu fokussieren. Ich verbessere das Ergebnis z.B. durch wiederholte Anläufe und Tests. (Dabei muss nicht zwangsläufig der Auslöser betätigt werden, manchmal reicht Beobachtung und gutes Timing.)

Kreativ durch eine bewusst beschränkte Ausrüstung

Kreativ befreiend kann wirken, wenn man die Ausrüstung, die man zur Hand hat, stark einschränkt.

Eine „Angewohnheit“, die mich eigentlich ziemlich „behindert“ ist, an einer Systemkamera häufig das Objektiv zu wechseln, weil ich finde, dass das andere Objektiv jetzt „besser“ funktionieren würde.

Ich sehe mich noch, wie ich schon vor bald 15 Jahren mit meiner ersten Spiegelreflexkamera und 3 preisgünstigen Objektiven loszog und dabei ziemlich häufig das Objektiv tauschte. So geht es mir zuweilen heute noch.

Dahinter steckt die Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst mag begründet sein. Aber egal welche Entscheidungen man im Leben trifft: Man kann immer nur an einem Ort sein und man hat immer nur maximal zwei Hände. Ich verpasse ununterbrochen den allergrößten Teil dessen, was auf der Welt passiert.

Es hilft mir, dieser Angst einen Riegel vorzuschieben, indem ich mich bewusst selbst begrenze und mit dem zufrieden gebe, was aktuell auf der Kamera montiert ist und mich darauf konzentriere, was ich damit umsetzen kann.

Das Ergebnis sind weniger Hintergedanken (jede weitere Entscheidung um die verwendete Technik bedeutet gedankliche Anstrengung). Das bedeutet, mir bleibt mehr Konzentration auf die sich vor mir entfaltende Situation.

Es mag zu Beginn befremdlich und kontra-intuitiv wirken, mich so einzuschränken, weil ich das Gefühl habe, die potentiell möglichen Ergebnisse von vorn herein von Seiten der Technik zu beschneiden.

Nur mit einem 85mm-Objektiv an einer kleinen APSC-Kamera „bewaffnet“ (ziemlich enger Bildwinkel) landete ich diesen Treffer auf einer Baustelle der Bahn. Ich habe keine Wahl. Ich kann mit meinem Objektiv (Festbrennweite) zudem nicht näher „hinein zoomen“ oder weiter „heraus zoomen“. Ich kann wegen der Geografie auch nicht wesentlich näher heran oder wesentlich weiter weg gehen. Ich kann nur wählen, was aufs Bild kommt und was nicht. Ich kann meine Kamera hochkant oder quer halten. Ich kann seitlich zurücklaufen, stehen bleiben oder seitlich weiter gehen. Es sind relativ wenige Wahlmöglichkeiten. Aber es zwingt mich, mit den vorhanden, begrenzten Mitteln eine gute Komposition zu finden. Die Wahlmöglichkeiten sind beschränkt. Der Kopf ist aber wesentlich freier für eine kluge Entscheidung, wenn die Situation es hergibt. Die Baustelle gibt es längst nicht mehr. Es ist eine Erinnerung an eine „andere Zeit“. Ulm, 2015

Natürlich bestimmt mein Werkzeug stark die Endergebnisse – so wie bei einem Maler die Stifte, die Pinsel, die Art der Farben großen Einfluss auf das Endergebnis nehmen. Ölfarben funktionieren anders als Buntstifte. Aber mein Kopf ist wirklich wesentlich freier, wenn mein Werkzeug vorgegeben ist und ich nicht die Option habe, es jede Minute zu wechseln.

Sich in Sachen Ausrüstung einzuschränken erlebe ich in der Praxis wirklich als eine große Befreiung. Ich habe mich immer wieder ertappt, bei Ausflügen oder auch Feiern Stunden nur mit einer Festbrennweite zu arbeiten (keine Zoom-Möglichkeit!), einfach weil ich mich viel besser aufs Geschehen und die Bildkomposition konzentrieren kann und weniger mit der Technik kämpfe und den – so fühlt es sich an – unendlichen Möglichkeiten eines Zoom-Objektivs.

Kreativ durch nicht beeinflussbare Umstände / natürliche Einschränkungen

Manchmal plane ich eine Reise. Ich hab zwar die Reise gebucht. Das Wetter jedoch macht einem einen Strich durch die Rechnung. Ich habe mich auf Sonnenuntergänge und damit verbundene tolle Landschaftsaufnahmen eingestellt. Das Wetter ist jedoch konstant trüb und regnerisch.

Ich habe dann die Wahl. Das Wetter kann ich nicht ändern, aber ich kann z.B. meine Motivwahl anpassen und im Sinne einer Dokumentation die Bilder eben genau so gestalten wie die Reise wirklich war (z.B. Aufnahmen von Pfützen oder Regentropfen als Symbol fürs Wetter). Ich kann das gleichzeitig auch mit einer schriftlichen Dokumentation meiner Gedanken verbinden – und dadurch ein illustriertes Tagebuch gestalten um die Erinnerungen noch lebendiger zu halten.

Bleibe ich neugierig, wenn die Verhältnisse anders sind als ich sie mir gewünscht habe? Im Winter sind die hellen Teile des Tages kurz. Unter Umständen kann man unter künstlichem Licht dennoch sehr schöne Bilder machen (z.B. bei Nebel)

Für ein Bild bei so wenig Licht braucht es gewiss eine entsprechende Ausrüstung z.B. ein lichtstarkes Objektiv oder ein Stativ und eine Kamera, die bei wenig Licht gut funktioniert. Wiederholen kann ich das Bild wegen der besonderen Bedingungen wohl kaum, auch weil ich diesen Ort seit Langem nicht mehr besucht habe.

Bin ich räumlich gebunden (z.B. durch persönliche Verpflichtungen), kann es sogar sein, dass ich selten die Wohnung oder die Nähe Umgebung davon verlassen kann. Der eigene Wohnort, die eigenen Räumlichkeiten sind oft das „Langweiligste“, was man sich vorstellen kann, weil man sich oft dort aufhält und alles kennt. Es fehlt der Reiz des Neuen. Und doch kann ich neu schauen: Wie kann ich auch diese „langweilige“ Umgebung in Szene setzen. Womöglich kommen dabei Ideen auf, wie man Dinge neu anordnen könnte, damit es z.B. schöner aussieht oder funktional besser gestaltet ist – oder ich fotografiere auffällige Muster, die Beschaffenheit einer bestimmten Oberfläche oder bestimmte Kleidungsstücke, oder gar abgetragene Schuhe, bevor sie entsorgt werden.

Ein „banales“ Motiv, und doch sind Licht, Schatten, die Beschaffenheit der Tapete, die Beschaffenheit der Lampe, die Art der Ausleuchtung der Umgebung Dinge, mit denen man „spielen“ kann.

Fazit:

Ich muss nicht immer besondere Umstände haben, um bemerkenswerte Erinnerungen zu schaffen. Es braucht offene Augen um die kleinen Besonderheiten zu sehen, an denen ich zu oft gedankenlos vorbei laufe.

Es ist irgendwo auch eine Lebens-Lektion mit den vorhandenen Gegebenheiten umzugehen – zu verändern, was möglich ist, aber auch eben immer wieder meine Haltung gegenüber den unveränderlichen Gegebenheiten neu auszurichten.

Manchmal ändere ich die Begrenzungen. Manchmal ändern die Begrenzungen mich.

Begrenzungen erfordern von uns, gedanklich flexibel zu sein und immer wieder auch, uns auf sie einzulassen und zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Begrenzungen geben uns aber auch Ordnung und Orientierung. Wenn ich sie nur als ein Hindernis betrachte, das überwunden werden muss, übersehe ich womöglich, wie sie mir helfen, mich in einer komplexen Welt zu bewegen und sie sinnvoll zu gestalten und zu ordnen.

So gesehen muss ich bei jedem Bild Entscheidungen treffen. Wann nehme ich das Bild auf? Was genau schließe ich ins Bild ein? Was schließe ich aus? Je bewusster ich eingrenze und selektiere, umso klarer wird oft das Ergebnis.

Zum Schluss noch einige Bildideen für Motive, die das Thema „Grenzen oder Beschränkungen“ fotografisch umgesetzt zeigen (weiter oben finden sich ja noch ein paar weitere Bilder):

Klare Regeln machen ein Spiel spannend (Strategien werden im Rahmen der Regeln erdacht) und die Regeln gelten für alle gleichermaßen.
Begrenzungen schützen
Auch hier hat das Brückengeländer eine schützende Funktion. Man stelle sich eine meterhohe Brücke ohne Geländer vor.
Klare Warnungen sorgen für ein angemessenes Handeln und sorgen für Sicherheit.
Die Mauer schränkt fraglos den Blick in die Schwimmbecken ein. Wer hoch hinaus will, der exponiert sich den Blicken der Vorbeigehenden.
Solche Verkehrszeichen verschandeln gewissermaßen die idyllische Szene, aber ordnen den Verkehr und sind als Fahrradständer sehr nützlich. Ulm, 2011
Die ursprüngliche Intention des Schildes ist noch erkennbar trotz der Verfremdung.