Ich denke derzeit viel über den Sinn und Zweck des Spielens nach. Das hier soll kein umfassender Text über das Spielen werden, sondern einen bestimmten, für mich interessanten Aspekt hervorheben.

Es ist für uns selbstverständlich, dass Kinder spielen. Spielen bedeutet in einer Hinsicht, Dinge auszuprobieren und zu testen. Ein Spiel meint keine ernste Situation mit ernsten Konsequenzen. Ein Spiel ist stattdessen eine Möglichkeit, Strategien einzuüben, ohne, dass ernsthafte Konsequenzen erfolgen.
Wenn jemand mit einem echten Auto auf der echten Autobahn aus Experimentierfreude Schlangenlinien fährt oder ohne Notwendigkeit plötzlich scharf abbremst, würde er vermutlich so etwas zu hören bekommen wie: „Mensch, spinnst du denn? Das ist hier doch kein Spielplatz, sondern eine Autobahn!“ denn die Konsequenzen einer Kollision sind bleibend und potenziell lebens-zerstörend.

Ein Spiel findet in einem sicheren Rahmen statt, normalerweise mit klaren Regeln, wobei oft auch dazu gehört, dass die Regeln beim Spielen verhandelt werden.
Es gibt viele unterschiedliche Spiele wie z.B. soziale Rollenspiele, die einen Arztbesuch „simulieren“ oder Spiele wie „Verstecken“ oder „Fangen“, die einerseits die Unwelt als auch die Mitmenschen erlebbar und erfahrbar machen, am Ende aber Spiel bleiben. Ob man gefangen wurde oder ob der gespielte Arzt eine Bettruhe verordnet, bleibt konsequenz-frei. Es bleibt alles im Spiel. Und doch wird in einem Spiel so manche Situation, die Kinder im Laufe ihres Lebens erleben werden, vorweg genommen und insofern kann das Spiel eine Art Vorbereitung auf manche ernsten Situationen des Lebens darstellen.
Man lernt wenigstens im Ansatz, was einen erwartet und was erwartet wird.

Spielen als Erwachsener
In der Erwachsenen-Welt ist es meinem Erleben nach nicht mehr selbstverständlich zu spielen. Im Vordergrund stehen Verpflichtungen und Verantwortung, die man als Erwachsener zu übernehmen hat und das ist natürlich durchaus legitim und gut und so funktioniert die Welt. Eltern versorgen ihre Kinder, kümmern sich um Geld, Wohnung und Nahrung. Man ist in so einer Rolle viel-beschäftigt.
Und es fühlt sich so an, als ob Spielen da manchmal keinen Platz mehr hat. Spielen ist was für Kinder und Heranwachsende. Spielen scheint mir nicht angemessen, wenn noch diese oder jene unerledigte Aufgabe auf mich warten. Spielen kann ich vielleicht wieder, wenn ich ein Rentner bin.
Männern wird gerne vorgeworfen, ihre „Spielzeuge“ zu haben. Damit können ihre teuren Sport-Autos gemeint sein, genauso wie ihre Kameras, ihre Modelleisenbahn oder Videospiele. Und die moralische Konnotation beim Wort „Spielzeug“ ist dabei die, dass es doch wünschenswert wäre, dass diese Männer „erwachsen“ werden und sich um die richtigen und wichtigen Dinge im Leben kümmern.
Spielen erscheint mir zuweilen „verantwortungslos“. Es scheint nicht „produktiv“ – man hat am Ende nicht unbedingt ein sichtbares Ergebnis vorzuweisen und man könnte den Eindruck gewinnen: „Die Zeit, die ich jetzt in ein „Spiel“ investiere (mag es auch nur in ein Kreuzworträtsel sein), ist verloren. Ich hätte produktiver sein können. Ich hätte vielleicht lieber etwas Nützliches getan wie diesen Ratgeber studiert oder jenen Gegenstand repariert oder dieses wichtige Formular noch ausgefüllt.“

Vielleicht kommt dieser Eindruck bei mir selbst auch daher, dass ich in meiner Jugend und Schulzeit durchaus übermäßig Videospiele gespielt habe – statt zu lernen und Hausaufgaben zu erledigen – und eher selten ein gutes Maß dabei gefunden habe.
Positive Effekte von Spielen
Ich finde aber, man unterschätzt, was das Spielen Gutes bewirken kann. Zum Einen macht es – plakativ gesagt – „Spaß“. Es gibt Spannung und Entspannung. Beides braucht man und Spiele können eine gesunde Ablenkung und Zerstreuung sein und den Blick in einem gesunden Sinn von z.B. schlechten Gedanken oder einer trüben Stimmung abwenden, genauso wie beim Musik-Hören, Musizieren oder Lesen, Sport usw.. Das Argument der „Unproduktivität“ trifft genau genommen gleichermaßen auf solche Aktivitäten zu. Und dennoch machen sie das Leben schön und lebenswert.
Ich sehe auch noch weitere Effekte. Genauso wie Kinder von unterschiedlichsten Spielen profitieren und daraus lernen können, können auch Erwachsene von Spielen Lern-Gewinn haben. Am Ende hängt es sicher konkret sehr stark davon ab, an welche Art von Spiel man genau denkt, aber von vielen Spielen kann man lernen.
Ich habe als Heranwachsender beispielsweise mit Hilfe eines Videospiels gelernt, mich mit Hilfe einer Karte (ohne die Komfort-Funktionen eines modernen Navigationsgerätes) zu orientieren. (Natürlich kann man das genauso gut oder besser beim Wandern oder bei einem Ausflug in eine Großstadt lernen.)

Andere Spiele lassen mich üben, mit mehreren anderen zu kooperieren und zu kommunizieren oder ich trainiere spielerisch meine körperliche Geschicklichkeit, z.B. bei einem Ballspiel.
So manches Spiel erfahre ich als anregend. Es wird meine Kognition und Planungs-Fähigkeit trainiert, meine Fein-Motorik und Grobmotorik, aber auch gewisse sogenannte Soft-Skills, die man nicht leicht in Zahlen oder Kategorien fassen kann, die aber im sozialen Miteinander wichtig sein können – und in Kommunikations-Spielen gefragt sind.
Spiele können vielfältig anregend sein und unser Gehirn, unser Gedächtnis, unser logisches Denken trainieren.
Spielen und Kreativität
Was ich persönlich ganz spannend finde, ist auch der Zusammenhang vom Spielen und von Kreativität.
Kreativität erfordert eine gewisse Art von Verspieltheit. Ich kann nicht kreativ sein, wenn ich nicht bereit bin, Dinge auszutesten und aus zu probieren.

Beim Malen muss ich erproben, wie die Farben wirken und miteinander interagieren. Vielleicht beginne ich mit einer Skizze und da spiele ich mit verschiedenen Möglichkeiten und entscheide mich dann für eine konkrete Vorgehensweise. Aber selbst wenn ich schon am finalen Bild arbeite, ist je nach Maltechnik immer noch Raum zum Spielen und zum Experimentieren und dadurch einem mir gefälligen Ergebnis näher zu kommen.
Vergleichbares gilt fürs Schreiben von Texten. Ich jongliere mit Worten, schreibe ganze Abschnitte, die ich dann wieder lösche und somit sterben lasse, füge wichtige Aspekte noch ein, und schiebe Passagen und Gedanken zuweilen hin und her bis mir das Gesamtbild gefällt. Klingt nach gedanklicher „Arbeit“, aber es ist auch wesentlich ein spielerischer Aspekt da, der den ganzen Prozess erfrischend und kreativ macht.
Beim Fotografieren will ich auf eine spielerische Herangehensweise nicht verzichten. Spielen bedeutet eine gedankliche Flexibilität zu haben, verschiedene Perspektiven einzunehmen, unterschiedliche Strategien auszuspielen.
Ich wähle für meine Fotos verschiedene Stand-Positionen und beobachte, wie sich die Anmutung meines Motivs verändert. Ich mache mir Gedanken um den Zeitpunkt meiner Aufnahme. Ich lege die Größe des Bildausschnittes fest, d.h. ich zoome, wenn nötig oder ich wechsle bei Bedarf das Objektiv. Ich verändere die Belichtungszeit oder die Blende.

All das sind aus meiner Sicht spielerische Elemente. Ich kann philosophisch gesehen eine ernste Sache draus machen und Dogmen entwickeln – z.B. für „die korrekte Einstellung für eine Landschaftsaufnahme“ oder für „das richtige Objektiv für eine Portraitaufnahme“. Und ja, eine Kamera ist sicher ein Werkzeug und nicht einfach ein Spielzeug und es gibt konkrete Foto-Aufträge als Profi oder als Ehrenamtlicher, wo man Ergebnisse für den Auftraggeber anfertigt und kein Experiment, sondern Können und das Bewältigen von Anforderungen gefragt ist.
Ich liebe aber spielerische Momente, in denen ich mit meinem Motiv spiele und wo es nicht auf technische Perfektion oder „Korrektheit“ und zeitliche Effizienz ankommt, sondern darauf, verschiedene Methoden auszuprobieren und vielfältige, im besten Fall abwechslungsreiche Ergebnisse zu bekommen.
Ein fotografisches Beispiel für eine spielerische Herangehensweise in der Fotografie
Ein konkretes fotografisches Beispiel ist ein Riesenrad, das in der Innenstadt von Ulm stand. Dieses stand dort im Oktober 2026 für 11 Tage. Ich konnte es am letzten Abend noch sehen, bevor es dann abgebaut wurde.

Da ich nicht einen zweiten Versuch hatte, habe ich mich an diesem Abend mit begrenzter Zeit ganz auf dieses Riesenrad konzentriert.

Manche Fotografen setzen bei so einem Motiv auf den Einsatz eines Stativs und auf eine exakte Ausrichtung der Kamera. Mir war das in dieser Situation zu sperrig und unbeweglich. Ich lebe mit den Unzulänglichkeiten, „nur“ den kamera-internen Bildstabilisator zur Verfügung zu haben und lebe mit einer weniger planvollen, sondern mehr spontanen und – wenigstens ist das mein Empfinden – eher spielerischen Vorgehensweise – wobei ich nicht in Abrede stelle, dass auch das Einsatz eines Stativs mit der richtigen Technik und Idee ganz spielerische Aufnahmen möglich macht (wie z.B. sogenannte „Outdoor-Light-Paintings“).

Ich habe dabei Objektive gewechselt, habe aus verschiedenen Richtungen immer wieder einen neuen Versuch gewagt. Es ist ja seltenst der Fall, dass man ankommt, das Motiv sieht und bei der ersten Aufnahme sofort das „Gewinner-Bild“ macht.

Das End-Ergebnis steht oft mit der Spiel-Bereitschaft im Zusammenhang. Spielen bedeutet eben, sich intensiv mit einem Gegenstand auseinander zu setzen. Ihn auch mal in Kontexten einsetzen und zu zeigen, die weniger intuitiv sind. Die Architektur der Stadt, die Position der umstehenden Gebäude stellten dabei eine Herausforderung dar. Das Riesenrad erreicht zwar eine gewisse Höhe, es ist aber eben nicht weithin sichtbar wie das Ulmer Münster.

Und so ist es ein wenig wie Suchen und Verstecken-Spielen. Von welcher Stelle aus bekomme ich die beste Aussicht? Und wenn man die Stelle gefunden hat, wird man potentiell belohnt mit einem feinen Bild.

Ein Bild, das nicht notwendigerweise in diesem Moment sofort einen praktischen Nutzen hat oder einen erledigten Auftrag darstellt, das aber ein Ausdruck von Kreativität und einer gewissen Determination und Ausdauer ist und durch eine gewisse spielerische Neugier motiviert war.

Kommentar verfassen